VII.
Mit den beschriebenen großen Fortschritten war freilich auch eine be-denkliche Enge und Einseitigkeit der Theorie verknüpft. Das haben einzelne,mehr isoliert und abseits von dem wissenschaftlichen Hauptmarkt schaffendeSprachforscher, wie der geistreich scharfsinnige HugoSchuchardt in Graz,Hermann Möller in Kopenhagen, in Berlin Johannes Schmidt, fernerdie Führer der Göttinger, von Theodor Benfey und August Fick be-beeinflußten sprachwissenschaftlichen Schule Adalbert Bezzenberger,Fritz Bechtel und Hermann Collitz früh genug warnend oder tadelndausgesprochen, aber zunächst ohne merkbare Wirkung. Die neue Methode littan einer Mechanisierung: neben der naturalistischen (lautgesetzlichen) Sprach-erklärung kam die angeblich psychologische viel zu kurz und wurde nur sehrunzulänglich nach einer einzigen Schablone („was nicht Lautgesetz ist, beruhtauf Analogiebildung") gehandhabt. Und obgleich nach Scherers Vorgang dieJunggrammatiker die gesunde Forderung erhoben hatten, die modernen Sprachenund ihre Dialekte zur Grundlage sprachwissenschaftlicher Methodenlehre zunehmen, drohte die Rekonstruktion vorgeschichtlicher Sprachzustände alleKräfte der Forschung ungebührlich an sich zu reißen und von der Erhellungder wirklich überlieferten Sprachgestaltung abzuziehn in die allerdunkelstenglottogonischen Probleme. Die großartige Perspektive, die das Ergebnisder lautgeschichtlichen Untersuchungen insbesondere für den Vokalismus er-öffnet hatte, wirkte mit dem mächtigen Reiz, den nun einmal unendliche Fernenund unmeßbare Räume für unsere Phantasie und für unsere Wißbegierdehaben. So schien es längere Zeit, als ob Lachmanns Sprachbetrachtung, dernach Vahlens glücklichem Ausdruck „Reiz und Leben nur die Schale gewann,in welche Dichter und Schriftsteller den Kern ihrer Gedanken und Empfindungenschließen", in den Hintergrund gedrängt sei und als ob die in der Hand derDichter und Schriftsteller geformte Sprache für die grammatische Forschunggeringe Bedeutung habe. Indessen in aller Stille hat sich seit dem Ausgangdes vorigen Jahrhunderts ein neuer Umschwung vollzogen, der in über-raschender Weise Lachmanns um die dichterische und schriftstellerische Sprach-kunst bemühte Forschung wieder in helles Licht rückte, ihr aufs neue Beachtungzuwendete und ihren hohen Wert, ihre Fruchtbarkeit auch für die allgemeineSprachgeschichte aufdeckte.