Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

II.

Lachmanns Schaffen eröffnete in der Entwicklung der philologischenWissenschaften einen neuen Abschnitt durch seine neue Grundlegung derTextkritik. Er zuerst hat seinen Vorläufer Immanuel Bekker weit über-holend gelehrt und durch große Beispiele vor Augen gestellt, die hand-schriftliche Überlieferung literarischer Werke mit einer Kritik zu prüfen undzu werten, die nicht aus subjektivem Ermessen bessere und schlechtere Les-arten oder Textgestalten gegen einander abwägt, wie das noch sein LehrerGottfried Hermann getan hat, sondern die Genealogie der handschriftlichenZeugen ermittelt und so, zurückschreitend, auf den ältesten erreichbarenStammvater der verschiedenen Textformen trifft. Diese genetische Methode,die an die Stelle subjektiver Textkritik eine objektive Textgeschichtesetzt, ist eine Frucht des neuen Geistes, der das aufgehende neunzehnte Jahr-hundert erfüllt, bei dessen Fortschreiten kräftig wächst, alle Gebiete derWissenschaft befruchtet oder beherrscht und bis zum Ablauf des Jahrhundertsunangefochten bleibt: jenes Geistes, den wir mit dem kurzen Ausdruck 'Histo-rische Schule' nicht ganz treffend und nicht ganz erschöpfend zu benennengewohnt sind und den mit glänzendem Wurf Wilhelm Scherers Meister-buch über Jacob Grimm, neuerdings umfassend und eindringlich Erich Rot Fl-acker i) nach Ursprung, Wesen und Wirkung gewürdigt haben.

Dieser geschichtliche Geist betrachtet das Sein als ein Gewordensein, ersucht die Erkenntnis des Lebens aus der Enthüllung seiner Herkunft undseiner Entwicklung zu gewinnen. Er ist gleich der Romantik entsprungenaus der Ehrfurcht vor dem Ursprünglichen, vor dem Altertum. Under stand bei seinem ersten Erstarken im Bunde mit der Romantik.

Auch Lachmann empfing ebenso wie die Brüder Grimm, von denen esallgemein bekannt ist, den innern Antrieb zu seiner tiefbohrenden Arbeit fürdie Wiederentdeckung der versunkenen mittelalterlichen deutschen Dichtungaus jenem unerschütterlichen Glauben an die Reinheit und Größe der deutschen

1) In seiner 'Einleitung in die Geisteswissenschaften' (Tübingen, J. C. B. Mohr,1920), in der Historischen Zeitschrift, Bd. 128 (1923), S. 415 ff., zuletzt soeben inseiner 'Logik und Systematik der Geisteswissenschaften' (Handbuch der Philosophie,6. und 7. Lieferung, München, R. Oldenbourg, 1926).