X.
Den Anlaß gab die große Krise im Leben der Grimms: ihre Teilnahmeam Protest der Göttinger sieben Professoren gegen die Rechtsverletzung desKönigs Ernst August von Hannover, ihre Amtsenthebung (1837) und nachdrei trüben Jahren der Verbitterung und Sorge ihre Rettung, die Berufung andie Berliner Akademie der Wissenschaften.
Es sind diese Vorgänge und insbesondere die daran sich knüpfende Ent-zweiung der Brüder Grimm mit Lachmann und ihrem Freunde Savigny schonvielfach auf Grund verschiedener brieflicher Quellen und Akten dargestellt (vonSpringer, Scherer, Sybel, Wendeler, v. Harnack, Koser, Schillmann, Lenz). Auchaus dem vorliegenden Briefwechsel sind gerade mit Beziehung hierauf ent-scheidende Äußerungen gedruckt worden. Anderseits war die Scheu, dasBriefmaterial über dieses heikle Ereignis offen vorzulegen, eine Hauptursachefür die so lange durch die Erben und Verwalter des Nachlasses erzwungeneGeheimhaltung dieser wertvollen Urkunden.
Jetzt nach dem vollständigen ungekürzten und unveränderten Abdruckdes Briefwechsels Lachmann-Grimm steht das Eine unzweifelhaft fest: irgend-ein vernünftiger Grund, die Bekenntnisse der drei Freunde über diesen Schlag,der ihre Verbindung traf, zu verheimlichen, ergibt sich aus keinem Wort.Keiner von ihnen hat sich etwas vorzuwerfen. Alle Briefe, die zwischen ihnenin dieser Sache gewechselt wurden, auch die Entwurf gebliebenen, nicht ab-gesandten Äußerungen, enthalten nichts, was ihre wissenschaftliche und mensch-liche Ehre herabsetzen könnte. Im Gegenteil: auch sie sind Zeugnisse ihrerreinen, sachlichen, hochherzigen Denkweise.
Der Verlauf der Entfremdung war der folgende. Der Plan, die BrüderGrimm nach Berlin zu ziehen, an die Universität oder in eine andere geeigneteStellung war sehr früh entstanden. Wilhelm Schlegel hat davon und nichtzum ersten Mal schon im April 1827 gesprochen (S. 510). Als die Grimmsdurch ihre Amtsentsetzung brotlos wurden, lag eine Wiederaufnahme des Ge-dankens nahe. Nachdem Jacob Grimm im Jahr 1830 als ein Opfer der Krise,zu der die Wahl Hegels führte, mit diesem und andern Kandidaten, und zwarer mit nur einer an der absoluten Mehrheit fehlenden Stimme, bei der Wahlzum ordentlichen Mitglied durchgefallen war, hatte man ihn 1832 zum aus-wärtigen Mitglied, Wilhelm Grimm zum korrespondierenden Mitglied der