IV.
Das 'Glaubensbekenntnis' Karl Brugmanns und Hermann Ost-hof fs im Vorwort ihrer „Morphologischen Untersuchungen auf dem Gebieteder indogermanischen Sprachen" (1. Teil, Leipzig, S. Hirzel, 1878), worin 'diejunggrammatische Richtung' gerechtfertigt werden sollte, berief sich auf dievon Scherers eben genanntem Buch ausgegangenen Impulse und sprachmanche beherzigenswerte Gedanken aus, die damals allerdings auch außerhalbdes Leipziger Freundeskreises von nicht wenigen Sprachforschern geteiltwurden. Als besonderes Verdienst Scherers wird hier gerühmt, daß er vor-bildlich weitgehend zur Erklärung sprachlicher Wandlungen die Form-übertragung heranzog, d. h. den Ausgleich lautgesetzlicher Formverschieden-heiten durch Analogiewirkung. Zwei Jahre vorher (1876) hatte Brugmann ineiner umfänglichen Anmerkung seines epochemachenden Aufsatzes 'Nasalissonans in der indogermanischen Grundsprache' (Curtius' Studien zur griech.und latein. Grammatik IX 317f., Anm. 33) ausschließlich Leskiens Buch überdie Deklination im Slavisch-Litauischen und Germanischen, das seinerseitsnatürlich abhängig war von Scherers großem Beispiel, als Quelle des überGeorg Curtius hinausführenden Fortschritts genannt und daran schon eineTheorie der Formassoziation geknüpft. Im Jahr 1877 hatte bereits Paul inseiner wertvollen Abhandlung über die Vokale der Flexions- und Ableitungs-silben in den ältesten germanischen Dialekten (Beiträge z. Gesch. d. deutsch.Sprache und Literatur IV 321 ff.) die junggrammatische Methode eingehendcharakterisiert. Aber die offizielle Formulierung des neuen wissenschaftlichenProgramms findet man doch erst in dem 'Glaubensbekenntnis' von 1878, wozuetwas später die den fruchtbaren Begriff 'Isolierung' einführende wichtigemethodologische Erörterung Pauls über Lautwandel und Formassoziationhinzutrat in seiner großen Abhandlung „Zur Geschichte des germanischenVokalismus" (1879, Beiträge VI 1—14).
Brugmanns methodologisches Programm bekannte sich im wesentlichenzu den folgenden Gedanken. An die Stelle der Sprache auf dem Papiersoll die Sprache der redendenMenschenals Ziel der Sprachwissenschafttreten und nicht bloß physiologisch, sondern auch psychologisch unter-sucht werden: eine Forderung, in der sich der Geist des in Leipzig wirkendengroßen Nachfolgers Jacob Grimms Rudolf Hildebrand spüren läßt. Nach