VIII.
Wie reich auch der wissenschaftliche Gehalt dieses Briefwechsels sei,höher fast steht mir der persönliche. Aus unübersehbar massigem Erz-gestein des Wissens und Forschens blitzen überraschend immer wieder silberne,goldne Adern warmer Menschlichkeit. Welche Fülle lebendigster Selbst-charakteristik mischt sich diesen Briefschreibern zwanglos in ihre gelehrtenErgüsse! Welch intime Einblicke eröffnen sie oft in ihr häusliches Dasein, inihr inneres Verhältnis zu Amt, Kollegen, Fachgenossen, zu wichtigen und un-wichtigen politischen oder sonstigen Tagesereignissen, zu den großen sittlichenFragen, zu den die Zeit bewegenden allgemeinen wissenschaftlichen Gegen-sätzen, die zugleich Grundgegensätze der menschlichen Natur sind.
Jacob Grimm wie Lachmann legten das Schwergewicht ihrer Kraft nichtin ihre Universitätsvorlesungen, obgleich doch Lachmann als überragenderFührer der Wissenschaft keine geringe Zahl bedeutender Schüler heranzogund ausbildete. Jacob Grimm, als er 1829 seine Kasseler kurfürstliche Bib-liothekarstelle, die er 1816 einem Ruf an die Universität Bonn vorgezogenhatte, mit einer Göttinger Professur vertauschte, klagte einmal, das Auftretenzu bestimmter Stunde auf dem Katheder habe etwas Theatralisches, das ihmzuwider sei. Im Winter 1830/31 hat er ein angekündigtes Kolleg über Otfriednicht gehalten, weil sich nur sieben Hörer und nachträglich zwei gemeldethatten, er aber zwölf als Mindestzahl betrachtete (15. November 1830). Dem-gegenüber konnte Lachmann in Berlin, wo er seit 1825, zuerst als außer-ordentlicher, von 1827 als ordentlicher Professor und seit 1830 als Mitgliedder Akademie der Wissenschaften wirkte, obgleich der Inhaber der Nominal-professur für deutsche Sprache und Literatur, der gelehrte, aber romantischwirre Friedrich Heinrich von der Hagen gewiß ein ungefährlicher Konkurrentwar, in seiner 'Geschichte der deutschen Poesie bis ins 13. Jahrhundert' nur15 Zuhörer, „darunter etwa 12 constante und theilnehmende", in seinemfrüheren Nibelungen-Kolleg gar „nur 8, darunter faule" um sich sammeln undtröstete Jacob Grimms Klage mit der Versicherung: „den Otfried würde ichgar nicht anzuschlagen das Herz haben". Mit der ihm eigenen Virtuosität inder scherzenden Verdrehung geflügelter Worte, die freilich seinem mit Humorzum Platzen gefüllten Freunde, dem Freiherrn von Meusebach noch geläufigerwar, setzte er prophetisch hinzu: „Es ist unpoetische Zeit: weh dir, daß du