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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
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VI.

Die seit 1876 durchdringende neue Auffassung des Ablauts hat vonGrimms poesievoller Theorie, die darin eine dynamische Bezeichnung ver-schiedenartiger grammatischer oder Bedeutungs-Funktionen sowohl in Stamm-silben als in Flexionssilben sah, sich völlig abgewendet. Sie hat sich vielmehrbis zu einem gewissen Grade der Anschauung Bopps genähert. Dieser zu-folge war der Ablaut ein physiologischer Vorgang ohne Bezug auf dieWortbedeutung und ein Ausgleich des Gewichts von Wurzel und Endung,in der Weise, daßdie Endungen den Wurzelvokal erweitern, wo sie schwachsind, und ihn in seine ursprüngliche Einfachheit zurückführen, wo sie selbersich mehr ausdehnen". In diesem Begriff 'Gewicht' der Silben oder Vokalesteckt wohl ein richtiger Kern, der sich z. B. in den modernen rheinländischenund niederdeutschen Mundarten als ein durch Akzentwechsel und Quantitäts-verschiebung herbeigeführter und durch eine Norm der Wortdauer bedingterSilbengewichtsausgleich wirksam zeigt und erst in neuerer Zeit richtig ver-standen ist. Aber jener Bcppsche Gewichtsbegriff, den auch Grimm in derdritten Auflage seiner Grammatik teilweise übernahm, war doch halb bildlichund wurde mit einer gewissen Unklarheit gehandhabt. Heute ist er in An-lehnung an Holtzmann und Benfey auf jenem Wege, den Lazarus Geiger,Amelung, Begemann, Humperdinck, Verner, Collitz, Fick, Osthoff, Brugmannbetreten hatten, umgebildet zu einer geschlossenen weitgreifenden Systematik,die auf geschichtlicher und lautphysiologischer Analyse der Morphologie wieder Akzentuierung der indogermanischen Sprachen beruht.

Gegenwärtig ist anerkannt, daß die urindogermanische Sprache einen Ab-laut besessen hat mit einer mehrfachen Abstufung der Quantität und Qualität derVokale nicht nur der Stammsilben, sondern auch der Ableitungssilben (En-dungen, Suffixe), nicht nur in der Verbal-, sondern auch in der Nominalflexionund außerdem in der Wortbildung. Wie man heute gleichfalls allgemein an-nimmt, waren diese Abstufungen durch den Einfluß der verschieden-artigen Betonung hervorgerufen. Ihre Stärke oder Schwäche (exspiratorischerAkzent) und ihre Höhe oder Tiefe (musikalischer Akzent) bewirkten durchdie wechselnde Stellung des Akzents bald auf der Stammsilbe, bald auf derEndung oder dem thematischen Vokal eine wechselnde Lautgestalt der Stamm-und Nebensilben. Im Einzelnen bleibt aber hinsichtlich der Art und Wirkungdes indogermanischen Akzents noch vieles dunkel und umstritten.