XI.
Der vorliegende Briefwechsel bietet aus der Zeit des Berliner Zu-sammenlebens nur vier Briefe von Jacob Grimm an Lachmann und dreiBriefe Lachmanns an jenen. Bedeutung hat von diesen Zuschriften nur eine,die einzige ausführlichere: Lachmanns Brief vom 30. Oktober 1846. Darinsucht er sich mit Bitterkeit gegenüber dem scharfen Tadel zu rechtfertigen,den Jacob Orimm in der Allgemeinen Zeitung wider ihn und Moriz Hauptausgesprochen hatte, weil sie unentschuldigt der Frankfurter Germanisten-versammlung, obgleich Gründer des Vereins und Unterzeichner der Einladung,ferngeblieben wären. Es zeigt sich hier, wie eine auch sonst in unseremBriefwechsel gelegentlich zur Sprache kommende Verschiedenheit der wissen-schaftlichen Interessen die beiden Freunde unter Umständen in einen erregtenGegensatz bringen konnte. Die Brüder Grimm verfolgten mit Herz und Seeleund allen ihren Kräften nur das einzige Ziel: die Pflege und Erhebung derWissenschaft vom deutschen Leben, die sie begründet hatten. Lachmann hin-gegen ist der griechisch-römischen Altertumswissenschaft, von der er aus-gegangen war, niemals untreu geworden, auch nachdem er selbst den eigent-lich philologischen Betrieb der altdeutschen Studien geschaffen. Es gibt ihmdas gelegentlich zu Selbstironisierungen Anlaß, indem er sich etwa als Aristarchbezeichnete, der zuviel anficht und zu strenge Gleichheit fordert, und von derHagen als Zenodot gegenüberstellt, weil der alle Fehler der Überlieferung duldet(2.—4. Sept. 1821, S. 305), oder wenn er an Jacob Grimm schreibt: „Ich habebei mittelh. Wörtern immer noch eine andre Rücksicht als Sie, eine Ath-eistische, ob ein Wort oder eine Form der Hofsprache gemäß, verbreitet undunanstößig gewesen ist, ohne Rücksicht auf die innere Richtigkeit der Bil-dung" (16. Aug. 1831, S. 566). Lachmann hat der griechisch-römischen Alter-tumswissenschaft stets die gleiche Liebe bewahrt wie der deutschen: seingroßes Lebenswerk umrahmen sein 'Properz' und sein 'Lucrez' und 'Lucilius',und in der letzten Periode seiner literarischen wie seiner Lehrtätigkeit über-wiegt durchaus die Beschäftigung mit der Antike. So gab er denn, uns be-greiflich genug, im Jahr 1846 von den fast gleichzeitigen Gelehrtenkongressen,die beide zu besuchen, ihm körperliche Rücksicht widerriet, der JenaischenPhilologenversammlung den Vorzug vor der Frankfurter Germanistenversamm-lung. Jacob Grimm aber konnte das nicht begreifen.