V.
Die neue Theorie des Ablauts, die Grimms unsterbliche Entdeckungwesentlich berichtigte und aus der isolierenden Einschränkung auf das Germa-nische löste, reifte durch ein Zusammenfließen verschiedenartiger neuer Er-kenntnisse seit der Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts derganzen jüngeren Generation des germanistischen und indogermanistischenFachs als natürliche Frucht einer trotz vielfachen sachlichen und persönlichenGegensätzen zielverwandten Arbeit zu einem Gemeingut von hohem Wert.Jetzt (im Juli 1875) gab dem Lautverschiebungsgesetz Jacob Grimms der DäneKarl Verner die letzte Weihe durch das nach ihm benannte Gesetz, dasim Frühjahr 1876 (Kuhns Zeitschr. f. vergleich. Sprachforschung Bd. 23, 2. Heft,S. 97—130) gedruckt an die Öffentlichkeit kam. Es brachte Aufklärung überdie einzige noch unbegreifliche Unregelmäßigkeit der Lautverschiebung: wirhaben im Neuhochdeutschen neben einander mit befremdlicher Ungleichheitdes die Ableitungssilbe beginnenden Konsonanten 'Vater' 'Mutter', aber'Bruder', und nur das letzte Wort zeigt regelrechte Durchführung der germa-nischen wie der hochdeutschen Lautverschiebung der zugrunde liegendenindogermanischen Tenuis t (griech. (ppätwp, «pparqp, lat. frater; got. bröpar,ahd. bruoder), während sie in den beiden andern scheinbar um eine Stufe zuweit vorgerückt ist (griech. TraTvjp, pjnrjp, lat. pater, mater; got. fadar, altsächsmödar, althochd. muoter). Wir haben ferner in der starken Verbalflexion undder nominalen Stammbildung einen seltsamen sogenannten 'grammatischenWechsel' des stammauslautenden Konsonanten: 1) ziehen gezogen (ZugZügel Herzog), gedeihen gediegen (zum Adjektiv erstarrtes, 'isoliertes'Partizip), Schwäher Schwager Schwieger; 2) leiden gelitten, schneiden ge-schnitten, sieden gesotten; 3) erkiesen erkoren, Frost frieren; 4) Hofhübsch, dürfen, darben. In all diesen Fällen stehen nur die Stammauslauteh d s f auf der nach Grimms Lautverschiebungsgesetz zu erwartenden Laut-stufe. Die Konsonanten g t r b sind hier dagegen Über-Verschiebungen, dieals sprachliche Laune erscheinen mußten. Verner erwies, daß auch in diesemvermeinten Spiel der Sprache ein festes lautliches Gesetz waltet: die Über-Verschiebungen in 'Vater', 'geschnitten', 'gezogen' gehen zurück auf einen ge-meingermanischen, d. h. bereits in der urgermanischen Grundsprache voll-zogenen Lautwandel. Die infolge der germanischen Lautverschiebung aus