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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXXIX
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Einleitung. LXXXIX

dieser Tragweite war er sich ebenso wenig bewußt wie einige Jahre späterbei seinem ähnlichen Vorwurf gegen Haupts Athetese der dem KaiserHeinrich VI. zugeschriebenen Minnelieder. Ist doch auch seine mit demHeptadennachweis ungefähr gleichzeitige Gedenkrede für Lachmann, in derer die Heptaden ausdrücklich mißbilligt und offen bekennt, von seinem Stand-punkt in der Beurteilung des Epos abgekommen zu sein, gestimmt auf denTon inniger Zuneigung und Bewunderung seiner Person und seines wissen-schaftlichen Werks. Der Verstorbene, den er mit der nur ihm eigenen Sprach-kunst und Vergegenwärtigungskraft feiert, steht seinem Herzen immer nochnahe:Wer ihn genauer nicht kannte, dem mochte er herb und verschlossenerscheinen oder abstoßend. Er war mildherzig, weich und voll Liebe." Undunendlich rührend ist der Ausklang dieses Nachrufs. Das wehmütige Kon-trastbild, wie der Geschiedene, wenn die Fußabnahme ihn gerettet hätte, alsKrückenträger schonend gehegt und gehütet, auf seinem Platze an der Tafelder Akademie still zu sitzen sich hätte gewöhnen müssen undnicht mehrhinter allen Stühlen herum zu wandeln". Als dann am ersten Jahrestage vonLachmanns Tod in Berlin ein Pamphlet gegen ihn erschien, worin auch dieSiebenzahl ausgespielt war, hat Jacob Grimm am Jahrestage seines Begräb-nisses in einer Berliner Zeitung eine schneidend scharfe Zurückweisung dieses'gemeinen' Angriffs veröffentlicht, um soden grünenden Zweig getreuen An-denkens auf sein frühes Grab zu legen":Deine reichen Gaben, alle DeineAnstrengungen und Erfolge, sie sollen unvergessen bleiben und werden ihreFrucht tragen; selbst wo dich als Menschen ein paar Irrtümer anwandelten,kann das Deine reine sittlich starke Natur desto sichtbarer machen" (KleinereSchriften 7, 605).

Hier ist jeder Schatten und jeder Mißton wieder aufgelöst in die alteinnige Freundschaft. Und man gedenkt jener tiefsten und schönsten Worte,die Lachmann, diese Gesinnung liebevoll erwidernd, einst gefunden hat, alser am 2. Juni 1833 nach einem Besuch der Brüder Grimm in Göttingen indankbarer Erinnerung an die 'schönen Tage' beklagt, daß er besonders mitJacob gar nicht recht in der Stille zusammengekommen sei:Ich meine nicht,daß wir mehr hätten sprechend abthun sollen, aber es gibt so eine Art sichgegenseitig still zu besehen und dazu war zu wenig Zeit und Ruhe."

Bekanntlich gab Jacob Grimms Aufdeckung der Heptaden das Signal zudem Jahrzehnte währenden Germanistenkrieg um die Kritik des Nibelungenlied-Textes. Auch nachdem Lachmanns lange leidenschaftlich bekämpfte Ansichtüber das Verhältnis der drei Haupthandschriften und seine Ablehnung desTextes von C als einer jüngeren höfischen Bearbeitung bei der Mehrheit der