III.
Jacob Grimm und Lachmann waren menschlich und wissenschaftlichpolare Persönlichkeiten. Wilhelm Grimm, obgleich dem Bruder innerlicheng verbunden, konnte eine Mittlerstellung zwischen beiden einnehmen: eswar ihm mit jenem der tiefe Zug zur Naturseite der Sprache und der inSprachdenkmälern niedergelegten nationalen Kultur, mit diesem die Vertiefungin einzelne literarische Gebilde gemein. In der späteren Entwicklung dergermanischen Philologie haben die beiden grundsätzlich sich entgegenstehendenRichtungen der Forschung, die in dem vorliegenden Briefwechsel sich soschön als ein wirklicher Freundschaftsbund darstellen, mit einander um dieHerrschaft gestritten. In der Sprachwissenschaft, den Begriff nach seinemweitesten Sinne verstanden, also in Grammatik, Metrik, kritischer Prüfung derSprachformen unserer altdeutschen Literaturdenkmäler wirkte der AnstoßJacob Grimms, dagegen im Bereich der Editionskunst und Stilanalyse mehrdas Beispiel Lachmanns. Dabei wurde etwa seit der Mitte des 19. Jahr-hunderts begonnen, den naturgesetzlichen Gesichtspunkt Jacob Grimms strengerdurchzuführen und zum Richtungsweiser zu nehmen für den Aufbau dersprachwissenschaftlichen Methode.
Bald nach Lachmanns Tod, seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhundertsgriff August Schleicher (1821—1868) aus Meiningen mit selbständigenForschungen bestimmend in die Sprachwissenschaft ein, gab insbesondereauch der deutschen Sprachgeschichte durch seine über Jacob Grimm hinaus-führende Untersuchung des Verhältnisses der althochdeutschen zur gotischenSprache (1855), ferner durch sein vielbenutztes Buch 'Die deutsche Sprache'(1860) sowie durch Aufsätze über die nordfränkische Mundart und zur Volks-kunde von Sonneberg einen neuen Anstoß. Er vor allen andern suchte Ernstzu machen mit der Folgerung, die der seit Goethe erkannte, von Jacob Grimmgern betonte Parallelismus zwischen den Erscheinungsformen physischer undgeistiger Gebilde nahelegte. Er unternahm es, jene Erwartung zu erfüllen, dieeinst Jacob Grimm in der Vorrede seiner 'Deutschen Grammatik', offenbardurch Friedrich Schlegels zündende Prägung des Begriffs der 'vergleichen-den Grammatik' und ihre Gleichsetzung mit der 'vergleichendenAnatomie' angeregt, ausgesprochen hatte, es würden durch Begründungund „allgemeinere Vergleichungen der Verhältnisse der einzelnen Spracheneinmal Entdeckungen zu Stande gebracht werden können, neben denen an