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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
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IX.

Unterschiede des Charakters und Temperaments, Gegensätze der wissen-schaftlichen Auffassungen waren genug vorhanden und kommen reichlich inunserem Briefwechsel zur Sprache. Fast wie ein Symbol dieser Verschieden-heit ihrer Naturen wirkt ein an sich geringfügiges Auseinandergehn im Ge-brauch einer alltäglichen stilistischen Wendung. Der Herausgeber der JenaischenLiteraturzeitung hatte in eine Rezension Lachmanns zu seinem Verdruß ein'so' hineinkorrigiert:den er so sehr verdient". Dieses 'so' will Lachmann nurzulassen als gemütlichen Ausdruck oder in Romanzen. Aber wer sage:derso große Leibnitz",verräth schwäche und Ungeschick, er weiß nicht aus-zudrücken einen wie hohen grad er meint" (11. Dezember 1823 S. 432).Jacob Grimm dagegen schreibt gleich in seinem nächsten Briefe arglos:vondem (in der syntax mehr als in der formenlehre so fruchtbaren) slavischenunterschiede" (S. 434), erklärt dann freilich, auf Lachmanns Kritik eingehend,dieses 'so' für einein den meisten fällen dumme ellipse" nach französischemVorbild (qua merite tant), bekennt jedoch, daß es ihm selbst entwischt sei,und hat es denn auch selbst nicht selten verwendet. Es ist ein Lieblings-wort in der Geniesprache des jungen Goethe und seiner Genossen, einLieblingswort auch des weiblichen Stils, zumal in Briefen (vgl. z. B. das fünf-malige 'so' in dem herzinnigen Brief von Dorothea Grimm über den TodKlenzes, 18. Juli 1838 S. 897): ein lyrisches Element, ein gefühlvolles oderauch nur lässiges Zeichen für Unausgesprochenes, Unaussprechbares. JacobGrimms Sprache in seinen Schriften, so viel bewußte, häufig gewaltsamestilistische Kunst in Anlehnung bald an altdeutsche, bald an volksmäßige,bald an lateinische Sprachformung darin lebt, hat manches mit der Genie-sprache gemein. Lachmanns Deutsch erstrebt über alles Knappheit und Schärfedes Ausdrucks, sie meidet jedes überflüssige oder bloß stimmungshafte Wort,verschmäht alles Kolorit und gibt nur feste Linien. Alles Lyrische bleibt ihrfern. Es wäre reizvoll, diesen Gegensatz der Sprache Jacob Grimms undLachmanns im Einzelnen aufzuzeigen. Der menschliche Gegensatz der Beidenwürde dadurch voll zur Anschauung kommen. Mit ihm aber ist der wissen-schaftliche Gegensatz aufs engste verbunden, den unser Briefwechselsehr anziehend inmitten aller Gemeinschaft des gelehrten Ziels und Strebensvor Augen stellt.