Einleitung. XCI
und festen Bestand zu gewinnen. Daneben mag immerhin eine Strömungscheinbar von völlig anderer Herkunft, aber dennoch ermöglicht nur durchdie grabende, schürfende Arbeit der Brüder Grimm und Lachmanns wie ihrerNachfolger, der Wissenschaft des deutschen Lebens ein neues Wollen zu-führen, dem ihre drei Bahnbrecher noch fern standen. Längst schon stelltesich der Sprachwissenschaft als Verbündete an die Seite eine universalhistorischgerüstete Erforschung der Bildungsgeschichte in weitem Rahmen, die denWandlungen der Ideen, den Ausdrucksformen des deutschen Geistes nach-spürt. Nun aber regt sich innerhalb der deutschen Sprachgeschichte selbstjunges Leben. Aufrauschenden Fahnen gleich kündigt es sich verheißungs-voll an in den neuesten ernsthaften Versuchen, die Geschichte der neu-hochdeutschen Sprache philosophisch zu durchleuchten und zu nacherlebenderDeutung und Wertung des Dichterischen, Bildhaften der Sprachgestaltungzu steigern. Vergessen wir nicht: auf der Bahn der Grimm - Lachmann-schen rein empirischen Sprachforschung erfolgte der große Aufschwung,der eine lebendigere Einsicht in die realen Mächte der sprachlichen Ent-wicklung eröffnete, zweifellos durch eine Stärkung und Verinnerlichung dersystematischen Betrachtung, also doch durch einen Tropfen philo-sophischen Geistes. Auch die ausgiebige Benutzung lautphysiologischerErkenntnis entsprang diesem philosophischen Trieb, über Stoffanhäufungund Observation sich zu erheben zur Ergründung der allgemeinen wirkendenUrsachen, und ebenso die Bemühung Scherers und der Junggrammatikerum die 'Prinzipien' der Sprachwissenschaft. Aber nicht weniger gewiß istauch: Untergrund der Wissenschaft der deutschen Sprache und des deutschenWesens wird und muß bleiben was die drei Großen geschaffen haben.
Die bisher gedruckten Schriften der Brüder Grimm und Lachmanns bergenmanchen noch ungehobenen Schatz, aus dem auch die künftige Forschungihr Wissen stofflich bereichern und vertiefen, ihre Beobachtung und ihreMethode verfeinern kann. Hinzu tritt nun dieser lange verschlossene Schreinpersönlicher Bekenntnisse und öffnet erlesene Kostbarkeiten in ungeahnterFülle zu allgemeiner bequemster Kenntnis. Mögen viele achtsame, aufnahme-willige und andächtige Benutzer die darin ruhenden wissenschaftlichen undmenschlichen Kräfte zu finden, sich geistig anzueignen und in sich wirksamzu entfalten wissen.
Der vorliegende Briefwechsel zeigt die drei Großen in ihrem gemeinsamenAufsteigen, in den Jahren der schöpferischen Jugend und Mannheit, auf derHöhe ihres Könnens, in der Arbeit für ihre Meisterwerke. An den stillenBrunnen unseres Altertums tranken sie den Mut des reinen Lebens, trankensie die Liebe zum deutschen Wesen, zu deutscher Sprache, Poesie, Sage und