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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXXVIII
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LXXXVIH Einleitung.

ständnis erhoffen durfte. Denn Wesen, Ursprung und Tendenz des hier inFrage stehenden methodischen Mißgriffs sind nicht erschöpfend bezeichnet,wenn ich diesen oben hinstellte als eine Verbindung von individualistischerPoesie-Auffassung mit einem romantischen Überlebsei. Die Fäden der geistes-wissenschaftlichen Bewegungen verschlingen sich oft zu einem wirren Ge-flecht verschiedenartiger Motive, das reinlich auseinanderzuwickeln nur schwergelingt. Es ist doch nicht bloß romantische Zahlenmystik, was dem klarenKopf Lachmanns das Heptadennetz überwarf. Hier wirkte auch gerade ab-irrend freilich der Trieb seines Wesens, der seine wissenschaftliche Größenicht zum geringsten Teile bedingt, dem seine metrische Forschung ihrenglänzenden Triumph, allerdings auch gewisse Schwächen verdankt: der Trieb,die objektiven Ergebnisse einer nach allen Seiten spähenden, treu auf-nehmenden Beobachtung, also die von ihr ermittelten äußeren Tatsachen undVerhältnisse zunächst einmal schlicht und zurückhaltend als ein Gegebeneszu respektieren, die Erklärung ihres ursächlichen Zusammenhangs aber ruhigder Zukunft anheimzustellen. Gerade in dieser Eigenschaft ist Lachmannssammelndes, zählendes Vorgehen verwandt dem wissenschaftlichen VerfahrenJacob Grimms, wie dieser es selbst charakterisiert hat:Ich lerne meine be-griffe erst und gern aus den Sachen, in denen uns noch so vieles dunkel liegt.Mit der Zeit werden sachen und allgemeine begriffe deutlicher werden"(Juli/August 1823, S. 418). Auch die Feststellung des Auftretens der Zahlendreißig und achtundzwanzig in den mhd. Handschriften und Gedichten waran sich wertvoll. Aber in diesem Falle rächte sich das von Lachmann ge-wohnheitsmäßig bewahrte Schweigen über ihre Bedeutung und die damit ver-knüpfte Unklarheit in Bezug auf ihre kritische Verwendbarkeit. Der anfecht-bare Gebrauch der Heptaden in Lachmanns Nibelungenkritik war der Fehlereiner Tugend: die Übertreibung und die voreilige, schwankende und wider-spruchsvolle Ausnutzung des Kultus der objektiven Gegebenheiten.Aus diesem Kultus erwuchsen in Jacob Grimms 'Grammatik' und 'Rechts-altertümern' die herrlichsten Früchte. Auf diesem Kultus ruht Lachmanns trotzkleinen Mängeln großartiger Bau der mittelhochdeutschen Metrik und Stil-kunde, den wir jetzt in seiner Vorbereitung, Grundlegung und ersten Aus-führung aus dem Briefwechsel mit den Brüdern und aus den 'Adversarien'der Beilagen, namentlich aber aus deren Abteilung C, 2 (S. 946960) be-wundernd kennen lernen.

Jacob Grimm, als er über die Heptaden in Lachmanns Nibelungenkritikden Stab brach, war sich bewußt, dadurch dem 'Ehrenkranz' des Toten einpaar Blätter zu entziehen. Aber seiner Natur lag es fern, den Vorwurf, dener mehr andeutete als aussprach, in seine volle Tragweite zu verfolgen, ja