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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXXVII
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Einleitung. LXXXVII

Oben aber (S. XLIX) zeigte sich, daß Grimms aus voreilig angewandter äußer-licher Theorie fließendes willkürliches Schema des Ablauts der drei indoger-manischen Urkürzen durch ein innerlich begründetes System, das dem be-obachteten Sprachleben entspricht, erst ersetzt wurde, als streng empirischeSprachgeschichte und Sprachphysiologie mit ordnendem logischem Denkenin einem philosophisch wie historisch befähigten Geiste sich verbanden.

Jedesfalls ist unbestreitbar: Jacob Grimm und Lachmann trugen beide angewissen Stellen ihrer wissenschaftlichen Methode noch einen Rest romantischerDenkart mit sich, der da ihren Blick für die natürliche Realität der Dingetrübte und eine unbefangene Prüfung und Wertung der Tatsachen in ihremZusammenhang und ihrer Abfolge erschwerte.

In den mit äußerster Besonnenheit formulierten, streng sachlich gehaltenenDarlegungen Jacob Grimms über die Heptaden barg sich, unausgesprochenzwar, ein sittlicher Vorwurf gegen die Ehrlichkeit der Kritik Lachmanns:ein Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Begründung (Nibelungen-AnmerkungenS. 163), warum er die frühere äußerliche Bezeichnung der Heptadengliederungdes ganzen Gedichts durch große Anfangsbuchstaben am Beginn der Ab-schnitte jetzt aufgegeben habe: daßsie leicht stören könnten". Dieser Be-gründung setzt Jacob Grimm eine andere gegenüber:in Wahrheit aber würdedie durch alle 2316 Strophen [d. h. den ganzen Bestand des vollständigenLachmannschen Nibelungenlied-Textes] greifende Siebenzahl zu den neuen,neben den Athetesen empor gestiegenen Liedern nicht gestimmt haben.[Denn] sie sollte jetzt auf diese neuen Lieder eingeschränkt [und] ganz andersangewandt werden." Jacob Grimm nennt das Schweigen darüber unbegreif-lich. Aber in seinem nächsten Satz zuckt ein scharfer Stachel: die Heptaden-Zahlen, die erst aus Hahns Strophenbezifferung als ebenso in jedem der vonLachmann herausgeschälten Einzellieder durchgeführt erkennbar werden,zer-stören den Zauber [!] oder bringen auf einmal ein befolgtes, kunstvolles, jaüberkünstliches System zur Schau".

Niemals würde Lachmann diesen Widerspruch, der ihm eine täuschendeVerschleierung der wahren Gründe seiner methodischen Kritik und eine be-wußte Irreführung der Leser zutraut, ohne zornige Abwehr hingenommenhaben. Der Bruch, und vielleicht ein unheilbarer, aller freundschaftlichen Be-ziehungen wäre die Folge gewesen.

Mehr noch als diese Verdächtigung seiner Redlichkeit würde den Zorndes überscharfen Nibelungenkritikers das Bewußtsein erregt haben, mit seinerBeachtung der Heptaden auf einem durchaus berechtigten Wege gewesen zusein, der zu fruchtbaren Einsichten führen konnte und auf dem er sich denSchritten des Freundes Jacob Grimm nahe glauben, also auch von ihm Ver-