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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXXVI
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LXXXVI Einleitung.

sie in seiner 'Geschichte der deutschen Sprache' (S. 274f.):Wie in derSprache überall (drei Geschlechter, drei Numeri, drei Personen, drei Generaverbi, drei Tempora, drei Deklinationen durch a i u) waltet auch für denVokalismus Trilogie. Aus drei Vokalen stammen alle übrigen." Es gibt, glaubter, ursprünglich nur drei kurze Vokale a i u, und auf ihrem Verhältnis beruhtdie Zeugung der Längen und Diphthonge wie Bildsamkeit, Flexion, Wohllautaller Wörter. Auch die Veränderung, welcher die drei Kürzen unterliegen, istihm eine dreifache: entweder wechseln sie mit einander oder sie mischen sichoder sie gehen über in Längen. Diese und verwandte schematisierende Fest-stellungen einer mystischen Sprachstatistik oder vielmehr einer mystischenSymmetrie durchziehen dann die ganze Darstellung der Lautlehre. Sie be-stimmen seine Beurteilung des genetischen Verhältnisses der sprachlichen Er-scheinungen , die er als 'Brechung' zusammenfaßt, sie führen namentlichseine Ansicht über das geschichtliche Alter des gotischen Lautstandes in dieIrre. Sie erreichen den Gipfel dichterischer Phantasiekraft, wenn in demKapitel über die Lautverschiebung die Wandlung der drei Muten (Media,Tenuis, Aspirata) der drei Organe in neun Gleichungen vorgeführt und alsKreislauf dreier Wagen (einer urverwandten, der gotischen und der althoch-deutschen Sprache) erläutert wird. Man kann hier doch angesichts dieserTriaden Grimms, die wichtige sprachgeschichtliche Entscheidungen herbei-führen, gegenüber den nur eine Nebenrolle spielenden Heptaden Lachmannsbei aller Ehrfurcht nicht ganz die Erinnerung an den Balken und den Splitterunterdrücken.

Außer dieser für die Psychologie des genialen Menschen lehrreichen Be-obachtung drängt sich hier eine andere auf, die für die WissenschaftsgeschichteWert hat und vor Augen stellt, wie die geistige Bewegung eines Zeitaltersdurch geheime Unterströmungen auch zwischen anscheinend entgegengesetzten,ja sich bekämpfenden wissenschaftlichen Richtungen eine Gemeinschaft derWelterfassung herstellt. Jacob Grimm, der Anhänger und Führer der histo-rischen Schule, der mit starker Abneigung sich von aller philosophischenSprachbetrachtung, insbesondere aber von der spekulativen Geschichtskon-struktion Hegels fern hält, er zollt mit seiner Trilogie der Urkürzen und seinemKultus der Sprachtriaden doch dem Triaden-Parallelismus der evolutionistischenBegriffsmythologie jenes großen Denkers Tribut. Und anderseits war auch inHegels Werk, so grundverschieden von dem Schöpfer der 'Deutschen Gram-matik' er oberflächlicher Kenntnis zu sein scheint, das Originellste, Tiefste,Dauerndste die Sättigung mit Realität, die Bewältigung ungeheurer Massengeschichtlicher Wirklichkeit unter dem Entwicklungsgedanken, gerade das also,freilich spekulativ gefaßt, was Jacob Grimms wissenschaftliche Größe bedingte.