Einleitung. LXXXV
schichte der epischen Dichtung für uns gebrochen hat. Anderseits steckte inLachmanns Heptadenkünstelei doch auch ein Rest romantischen Geistes: einim Unterbewußtsein noch wirkender Glaube an die geheime Magie der Zahlenim dichterischen Hervorbringen wie in der handschriftlichen Überlieferung.Wenn Jacob Grimm dagegen mit gutem Grunde sich auflehnte, so bekriegteer, der selber sein Leben lang die Romantik nie ganz überwand, einen roman-tischen Atavismus gerade desjenigen großen Lichtbringers, der wie kein andererbeigetragen hatte, die romantischen Nebel aus der deutschen Wissenschaft zuverjagen. Und ebenso hat Jacob Grimm, der Romantiker, bei seiner An-fechtung der Heptaden mit Recht einer andern Grundauffassung romantischerHerkunft in Lachmanns Nibelungenkritik, in seinen bestimmten Scheidungender echten Lieder, ihrer Fortsetzungen und ihrer Interpolationen den Glaubenversagt: der Voraussetzung einer allzu großen Vollkommenheit des Epos, vonder diese kritischen Beanstandungen Lachmanns ausgehen.
Aber freilich erliegt Jacob Grimm selber dann einer entgegengesetztenBefangenheit, die auch wieder aus der Romantik stammt: er möchte der hand-schriftlichen Überlieferung an sich eine Art Unverletzlichkeit zuerkennen, undes erscheint ihm 'grausam', „ansehnliche in den Handschriften gegebene Stückeabzustreiten" oder etwa (wie sein späterer Aufsatz gegen Moriz Haupt be-kundet) jenen kaiserlichen Dichternamen zu tilgen, den die alte große Minne-liedersammlung ihrem Eröffnungsgedichte vorsetzt und an den wir uns ge-wöhnt haben. Diese andächtige Scheu vor der langen Tradition alssolcher, die, angewandt auf die Philologie, diese in den einst ihre Kindheiteinschnürenden Schlendrian der Duldung des Textus receptus hinabstoßenmüßte, ist im romantischen Geiste eng verkoppelt mit jener scheinbar wider-sprechenden unbedingten Bewunderung der Urzeit, des Ursprünglichen undEchten. Den Zwiespalt dieser Antinomie hat die Romantik niemals über-wunden oder ausgeglichen. Handgreiflich ward er z. B. in den zwischenalter und junger Textgestaltung hin und her schwankenden Ausgaben Fried-rich Heinrich von der Hagens.
Das Merkwürdigste indessen bei Jacob Grimms an sich berechtigterAbwehr des stillschweigenden Gebrauchs der Heptaden ist dies: er tadelteLachmann, weil er die Kritik poetischer Texte und die Geschichte der hand-schriftlichen Überlieferung dieser Texte zu gründen schien auf ein mysti-sches Zahlenspiel; er trug auch Bedenken, mit Lachmann dieses Zahlen-spiel aus Absicht oder Berechnung statt einfach aus dem Zufall abzuleiten;er selbst aber hatte ein mystisches Zahlenspiel zur Erklärung und Begründungsprachgeschichtlicher Vorgänge ohne Scheu verwendet. Denn nicht anderskann man seine Ablauttheorie bezeichnen. Am eindruckvollsten erscheint