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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXXIV
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LXXXIV Einleitung.

dargereichten Bestätigung ziehen dürfen". Hier redet doch immer noch derromantische Geist, der in dem Volksepos ein organisches Ganze, ein inkommen-surables Wunder erblickt und vor dreisten Griffen zudringlicher, zersetzenderKritik behüten will. Die zweite, im Ausdruck bis zur Unverständlichkeit dunkleund doppelsinnige Hälfte des angeführten Satzes soll besagen: denaltenZweifel", den Jacob Grimm gegen den Inhalt der von Lachmann als allein echtausgeschiedenen zwanzig Nibelungenlieder gehegt hat und immer noch hegt,findet er nun bestätigt durch die neuen Zweifel, die ihm Lachmanns Behand-lung der Form des Kunstwerks, sowohl des ganzen Nibelungenepos als derausgeschiedenen Einzellieder in seiner Heptadentheorie und ihrer Durchführungerregt.

Lachmanns rational-historischer Kritik des Heldenepos und seiner Lieder-theorie widersetzt sich Jacob Grimm nun offen. Er tut es einmal als Ver-fechter des Organismus-Gedankens. Insofern bricht hier wieder deroben charakterisierte Grundgegensatz hervor zwischen der Auffassung derBrüder Grimm, die in der Sprache, Sage, Volksepik vorwiegend das natür-liche Leben und Wachsen sieht, und jener andern, die darin die bewußteGestaltung durch Individuen wahrnimmt. Aber Jacob Grimm lehnt sich gegenLachmanns Kritik des Epos zugleich auf als Wortführer des Subjektivis-mus, als Schützer der schöpferischen Freiheit poetischer Erfindung und Um-bildung. Insofern also steht er mit Lachmann grundsätzlich auf dem näm-lichen Boden: er kämpft nur und gewiß mit Recht gegen LachmannsÜberspannung der rational-individualistischen Kritik epischer Dichtung, für dieer zwar den Ausdruck 'Volkslieder' verwendet, aber als Urheber, Träger undVerbreiter Dichter, Um- und Fortdichter, Interpolatoren von ausgeprägter Per-sönlichkeit und mit verschiedenartigem Ton und Stil annimmt und nachzu-weisen bestrebt ist.

Allein dies fordert doch auch die Gerechtigkeit, nachdrücklich auszu-sprechen: der Begriff 'Volksepos' auf dem die Anschauungen der Grimmsfußen, ist vor der geschichtlichen Epenkritik des Philologen Lachmann undseiner Schüler zerflattert und ist abgelöst worden durch den sachlicheren,klareren Begriff des Heldenepos. Viel von den Ergebnissen der Lachmann-schen Epos-Kritik ist der Zeit zum Opfer gefallen. Aber auch die heutigeNibelungenforschung geht, indem sie diesen zweiten Begriff allein zuläßt undindem sie je länger je mehr in die Schranke zwischen höfisch-ritterlicher Epikund Heldenepik Breschen legt, der Spielmannsepik eine viel bedeutendereRolle zuweist, als die Grimms es taten, vielfache Entlehnungen ausländischerSagenmotive in der nationalen Epik erkennt, durchaus auf der Bahn, die Lach-manns historische und rationale Kritik des individuellen Elements in der Ge-