Einleitung. LXXXIII
zählte und bezifferte die Strophen den einzelnen Lieder. Jacob Grimm war,wie oben (S. LXX) zur Sprache kam, die von Lachmann nachgewiesene unddurchgeführte Gliederung in Absätze ohne den Charakter von Sinnesabschnittenin seiner Parzivalausgabe unbehaglich gewesen. Aber beim Erscheinen derNibelungen-Anmerkungen hatte er ihr in eingehender Erörterung eine hoheBedeutung beigelegt und eine literargeschichtliche Folgerung daran geknüpft(Februar 1836, S. 662 f.). Gleich nach Lachmanns Tod entdeckte er dann in einerBesprechung jenes Hahnschen Abdrucks, daß die Strophenzahl eines jedendieser 20 Lieder in Heptaden zerfiel (Göttingische Gelehrte Anzeigen 1851,S. 1748—1752, Kleinere Schriften 5, 477 ff.). Davon hatte Lachmann, dem esnatürlich nicht entgangen sein konnte, niemals weder in seinen Schriften nochzu Schülern oder Freunden Rechenschaft gegeben, überhaupt diesen Sach-verhalt nie erwähnt. Jacob Grimm hat in seiner Akademie-Rede auf den ver-storbenen Freund, wenige Wochen nach dessen Tod, von Lachmanns Ent-deckung „dieser Zahlenverhältnisse, nach welchem ganze Gedichte in bestimmte,dem Ohr unfühlbare Glieder oder Ketten aufgingen" gesprochen (KleinereSchriften \, 154 f.). Er hatte zugestanden, man könne nicht umhin „anzunehmen,daß beim Hersagen und Aufzeichnen längerer Gedichte auf solche die Poesieselbst unberührt lassende Gliederung irgendein uns noch nicht hinlänglichaufgeklärtes Gewicht fiel, folglich die Textkritik ihr Augenmerk dahin zu richtenbefugt ist". Aber gleichzeitig betonte er die dabei waltende „Gefahr, dem Texteine solche unbeabsichtigte Einteilung gleichsam aufzudrängen", d. h. „durchAusscheiden oder Zuthun einzelner Zeilen nachzuhelfen, um dadurch das er-wartete Zahlenverhältnis herzustellen. Angesichts der von ihm bemerkten, vonLachmann niemals erwähnten Tatsache, daß die von diesem hergestellten so-genannten 20 echten Lieder sämtlich aus einer größeren oder kleineren Anzahlvon Heptaden bestehn, hob er zwar hervor, daß auch von den 39 mit Über-schriften nach ihrem Inhalt bezeichneten Kapiteln oder 'Aventiuren', in welcheunsere alten Handschriften das Nibelungenlied einteilen, nicht weniger als neuneinen durch die Siebenzahl teilbaren Strophenbestand haben. Aber er fragt:„bis wohin hat der Zufall sein Recht und wo beginnt die Willkür"? und erfolgert: mag bei Lachmanns Ausscheidung der 20 echten Einzellieder undseinen Athetesen die Rücksicht auf Inhalt, Versbau, Grammatik überwogenhaben, so müssen aber zugleich „die Heptaden ihm eine Richtschnur gewesensein, wider die man sich sträubt". Schließlich hören wir dann ein Urteil, dasuns den Vorstoß gegen die Heptaden psychologisch in seinem letzten Grundeverstehen lehrt: „dem freien ungehemmten Atemzug des Epos scheinen solchegleichförmige halbnaturwüchsige Zahlen entgegen, und die Kritik des Inhaltswird für ihren alten [Originaldruck: ihre alten] Zweifel aus neuen von der Form
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