LXXXII Einleitung.
Fortsetzer und genauer Nachahmer Ulrich von dem Türlin die Absätze auf31 Zeilen erweitert und sie gleichzeitig zu Abschnitten des Sinnes gemachthat, indem er an ihrem Schluß jedesmal statt des Reimpaars eine Reimtriaserscheinen läßt. Überliefert ist eine durch 30 zerlegbare Gesamtsumme derVerse in der 'Krone' Heinrichs von dem Türlin und im 'Trojanischen Krieg'Konrads von Würzburg. Aber da beide Gedichte nur in einer Handschriftvorliegen, ist ein Zufall dabei nicht ausgeschlossen. Von Lachmann behauptetist Teilbarkeit durch 30 auch für die Verszahl des 'Iwein' Hartmanns von Aueund der 'Klage'. Allein die kritischen Ausscheidungen, durch die erst dieseMöglichkeit entsteht, sind nicht unbestritten. Lachmann selbst hat in derHandschrift A der 'Klage' die vollständige Verszahl, die 144 Abschnitte von30 Zeilen ergibt, erst kurz vor seinem Tode in der dritten Ausgabe angenommen,während er früher 4 Verspaare übersehen, 32 Verse als unecht ausgeschaltetund dann 153 Abschnitte zu 28 Verszeilen ausgerechnet hatte. Diese Zahlvon 28 Verszeilen schien ihm nämlich im strophischen Heldenepos die natür-liche Entsprechung für die 30 der Reimpaar-Epen: im Nibelungenlied bildetennach seiner Meinung 28 Verszeilen, d. h. 7 vierzeilige Strophen das Maß solcherAbschnitte. Aus inhaltlichen Gründen hatte er dreizehn Strophen als nach-träglichen Zusatz ausgeschieden: die anachronistisch fabulosen Strophen überBischof Piligrin von Passau, den angeblichen Bruder der burgundischen Königs-mutter Ute. Nach Abstrich dieser Pilgrim-Strophen verblieb ein echter Strophen-bestand von 2303 Strophen. Diesen gliederte Lachmann, teilweise im Anschlußan das Verfahren der von ihm zugrunde gelegten Handschrift gegen Endedes Liedes, durch Auszeichnung mit großem Anfangsbuchstaben in 329 Ab-sätze, die gerade wie bei Wolfram nicht Sinnesabschnitte waren, von je28 Verszeilen oder 7 Strophen. Das echte Gedicht bestand danach also aus329 Heptaden.
In seinen 'Anmerkungen zu den Nibelungen und zur Klage', die erstzehn Jahre später (1836) herauskamen, ging Lachmanns Kritik aber vieleinschneidender vor. Als Interpolation verwarf er jetzt nicht weniger als879 Strophen. Als echt ließ er nur noch 1437 gelten. Diese gliederte er abernun nicht mehr durch Auszeichnung des Initialbuchstaben am Eingang derHeptaden. Vielmehr zerlegte er jetzt das echte Gedicht in 20 inhaltlichselbständige Lieder, die, wie er annahm, einst auch eine eigene Existenzgehabt hatten. Die Auszeichnung der Initialen an den früher als Heptaden-anfänge angenommenen Stellen ließ er nun als störend fortfallen.
Die zwanzig Lieder, die Lachmann in einer Prachtausgabe getrennt heraus-gab, entbehrten darin der Strophenzählung. Erst Karl August Hahns Sonder-abdruck der 20 „echten Lieder von den Nibelungen nach Lachmanns Kritik"