LXXX Einleitung.
Kombinationskraft auf einem Irrweg das Dunkel der vorgermanischen Urzeiterleuchtet und ferne, weit abliegende geschichtliche Quellen für sie erschlossenwerden sollten.
Es war das ein Rückfall in die vorkritische, in die romantischePeriode seines Schaffens. Er verwischte die Zeit- und Völkergrenzen. Erübertrug die Kultur der Oeten auf die Goten. Das wäre einem Creuzer oderGörres, einem Kanne oder Wolke natürlich und angemessen gewesen. Andem Verfasser der 'Deutschen Grammatik' konnte es verstimmen. Was erhier bot, wohl war es romantische Methode. Aber zugleich doch auchAufwärmung jener längst überwunden geglaubten nationalen Geschichts-phantastik, wie sie nach mittelalterlichen Ansätzen der feierliche Vaterlands-kult der Renaissance seit ihrem Ursprung bis in ihre spätesten barockenAusläufer geübt hatte, indem er die Vorzeit des heimatlichen Stammes in dieerreichbar älteste historische Urzeit zurückschob und willkürlich verknüpftemit den frühesten Nachrichten über die ältesten Völker. Aus den patriotischenGeschichtsträumen der Renaissance waren freilich im 16. und 17. Jahrhundertdie Anfänge der germanischen Philologie erwachsen. Hier zeigt sich — undnicht allein in dieser Übereinstimmung — die lange verkannte geistigeVerwandtschaft zwischen der Renaissance und der Romantik.
Auf den gefährlichen Wolkenpfaden der 'Geschichte der deutschenSprache' konnte Lachmanns kritischer Geschichtssinn dem Freunde nicht mehrmit verstehender Teilnahme folgen. Der Meister der Methode, dem die Dar-stellung seiner Erkenntnisse immer ein hartes Ringen mit dem möglichstgenauen und knappsten Ausdruck blieb, stand solchen Leistungen der In-spiration zwar bewundernd, aber ablehnend gegenüber. Er hat, schrieb eran Haupt (23. Dezember 1848) dieses Buch „mit der größten Mühe hinunter-gewürgt": „Neben den schönsten Sachen so viel Willkürliches und auf plumpeBöcke Gegründetes ist mir so zuwider wie eine unwahre und ungrade Politik."Auf manche weitgreifende Deutungsversuche in Jacob Grimms BerlinerAkademieabhandlungen bezieht sich später, als Lachmann in einer durchKrankheit und die politischen Übel nervös gereizten Stimmung sich befand,sein ärgerliches Wort von der 'fahrigen Genialität'. Er verkannte dabei keines-wegs die schöpferische Überlegenheit des Einzigen und wußte sehr wohl, daßer selbst nicht eines dieser von großartiger Intuition erfüllten, dichterisch be-seelten 'Aufsätzchen' hätte schreiben können (an Haupt 25. Dezember 1850).
Auf der andern Seite war auch Lachmanns wissenschaftliche Entwicklunggeeignet, das volle Einverständnis Jacob Grimms zu beschränken. In Lach-mann lebte ein Vertrauen auf die Macht der Kritik, das einen Anflugvon religiöser Verehrung hatte. Er glaubte sozusagen an eine gewisse Zauber-