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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXIX
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Einleitung. LXXIX

Diese Beschwerde und Entschuldigung, die den übereilten Vorwurf desFreundes abwehrt, entläßt den Leser des Briefwechsels freilich mit der Ahnung,daß die beiden Begründer der deutschen Altertumskunde, die, solange sie voneinander getrennt lebten, verbrüdert gewesen waren, nun da sie in Berlin amselben Ort im beruflichem und gesellschaftlichem Nebeneinander dauernd ver-einigt waren, innerlich sich ferner rücken könnten. Und dieses bange Gefühltäuscht leider nicht ganz. Schon das damalige Berlin, so zwerghaft es imVergleich mit dem heutigen war, erschwerte gleich diesem durch seine Weit-räumigkeit den freundschaftlichen Verkehr. Lachmann begründete dadurch ineinem Brief an Haupt (16. April 1848) sein seltenes Zusammentreffen mitJacob Grimm. Auch die politischen Wellen im Jahrzehnt der Revolution undReaktion (18411851) erschütterten manchmal den Boden gemeinsamer Über-zeugungen, auf dem die Freunde gestanden hatten, obwohl sie auch schonden Göttinger Protest nicht ganz übereinstimmend beurteilten: im ganzen wohlbeide konservativ gerichtet, gingen sie doch in manchen Fragen jetzt nichteinig.

Aber mehr als alles dies wirkte ihre wissenschaftliche Entwicklung:sie hat Lachmann und Jacob Grimm von einander entfernt. Die unvergänglichenGrundwerke, die 'Deutsche Grammatik', die 'Deutschen Rechtsaltertümer', auchnoch die 'Deutsche Mythologie' hatten unvorstellbar große Massen geschicht-lichen Stoffs als Zeugnisse eines langen Verlaufs nationalen Lebens gesammelt,gesichtet und mit schöpferischer Phantasie gedeutet. Sie hatte kein vorhergefaßter genau überlegter Plan beengt: die Darstellung folgt in ihnen nur demImpuls der beobachtenden Hingabe an den Stoff, aus der eine gewisse innereOrdnung von selbst hervorwächst. Durch die gewaltsame Wendung seinerBahn war Jacob Grimm abgedrängt worden von der ruhigen Vollendungseines Hauptwerkes: dem vierten Band der 'Deutschen Grammatik', der vonder Syntax nur den einfachen Satz behandelte, folgte kein fünfter über denzusammengesetzten. Und das geplante Buch über die 'Geschichte der deut-schen Sitte', die beabsichtigte Neubearbeitung der 'Rechtsaltertümer' bliebenungeschrieben. Das auf Anregung befreundeter Verleger unternommene großenationale Werk, das 'Deutsche Wörterbuch', brachte wohl Rettung für seinebürgerliche Existenz. Aber es belastete auch seinen Schaffensdrang mit derdrückenden Fessel einer in fest geregelte Fächer verteilten Darstellung. Dochder Dämon in Jacob Grimms Entdecker- und Eroberernatur litt keinen solchenZwang. Er schüttelte die Ketten der lexikographischen Fronarbeit ab: erschwang sich kühnen Flugs in das Luftreich gewagter Etymologien, er schufein bewunderungswürdiges, dichterisch herrliches Werk, die 'Geschichte derdeutschen Sprache', worin mit Gelehrsamkeit, Scharfsinn und glänzendster