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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXIII
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Einleitung. LXXIII

dessen erstes Hauptwerk Lachmann selbst mit höchster Bewunderung auf-genommen hatte, während er seinen späteren Arbeiten, wie oben (S. LXV) be-merkt, mit Abneigung und Tadel entgegentrat, urteilte Jacob Grimm freund-licher und auch gerechter. Eine gegen die 'Deutsche Grammatik' gerichteteAbhandlung von ihm aus dem Jahr 1827 würdigte er unbefangen, eingestehend,daß er selbstnaturalistisch und auf gut glück in das sanskrit hineingehauenhabe", und fand dabei eines seiner wunderschönen Gleichnisse, um das eigeneVerfahren gegenüber dem sprachvergleichenden zu charakterisieren und zuschützen:Ich komme mir wie einer vor, der sich ein haus baut und zu-weilen über die Bodentreppe lauft, um durch die luken zwischen die nachbars-dächer zu schauen, aber immer gern wieder herabsteigt und unten wohnt, wogeringere aussieht ist" (S. 510. 518, 20. April, 21. Juli 1827).

Die unermüdlich ausgedehnte Erörterung des Problems der Heldensagezwischen Lachmann und Wilhelm Grimm hat zwar in vielen Punkten ein Ein-vernehmen bezeugt oder herbeigeführt, aber doch auch einen von WilhelmGrimm selbst genau bezeichneten, ganz scharfen Gegensatz der entscheidendenGrundansicht:Sie sehen, ich lasse alles von oben herabkommen und sichnach unten ausbreiten und in den Sand verlieren, die entgegengesetzte Ansicht[nämlich Lachmanns] läßt das Epos aus einzelnen Keimen zu großen Massenaufschießen. Diese aber wird überhaupt nicht von der Geschichte unterstützt,überall ist ein Herabsinken des Überlieferten sichtbar" (S. 750, 3. Juli 1820).An dieser Auffassung den Schlußsatz könnte ungefähr so als allgemeineskulturgeschichtliches Axiom doch auch Goethe ausgesprochen haben, denn erstammt, obgleich romantischer Lehrsatz, aus rationalistischem Erbe habenbeide Grimm im Wesentlichen doch immer festgehalten. Und Lachmann seiner-seits hat im großen und ganzen auf dem entgegengesetzten Standpunktdurchaus verharrt.

Alle diese Wälle trennender Einzel-Ansichten und der ganzen geistigenDisposition, die zwischen Lachmann und den Grimms vom ersten Augenblickihrer Verbindung standen, haben ihrem innerlich engen wissenschaftlichen undmenschlichen Zusammenschluß nie den Weg verbaut, haben nicht gehindert,daß die drei eine herzinnige Freundschaft umschlang, wie sie unter gereiftenMännern, zumal unter selbständigen Forschern von genialer Begabung undEigenart, ganz selten, vielleicht sonst niemals erlebt worden ist.

Und dennoch kam es zu einer tiefen Entfremdung, zu einem Zerwürfnis,das zeitweise dem Bruch entgegenzutreiben drohte.