Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXXII
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LXXII Einleitung.

Zusammenhang niemals durchgelesen, seine Ansichten während der Arbeitund des Drucks ungescheut gewandelt und berichtigt, durch Nachträge undZusätze ergänzt. Und sobald ein Buch vollendet war, erschien es ihm reiffür eine völlige Neugestaltung in einer zweiten Bearbeitung, die er dann freilichnur in sehr begrenztem Maße liefern konnte. Als Lachmann ihn nach einemBesuch in Göttingen im April 1836 verließ, war noch kein Plan zur Syntax,dem vierten Bande der Grammatik, gefaßt, geschweige denn ausgearbeitet.Am 3. Juli aber waren schon sechs Bogen gesetzt. Mit Stolz und Befriedigungfügt Grimm dieser Mitteilung hinzu:Es steht also darum wie um meineübrigen sachen und in der ausarbeitung hoffe ich doch eins und dasandere zu treffen. Der Plan war mir diesmal das fatalste, ich habe aber nunglücklich angebrochen" (3. Juli 1836). Er war dann aber doch empfindlich,als Lobe, der selbständige Kenner der gotischen Sprache (s. oben S. XLIV) undVerfasser einer wertvollen gotischen Syntax, seine Deutsche Syntax unfertignannte und die vielen Nachträge bemängelte, gab anderseits freimütig mancheunhaltbaren und gewagten Einfälle" preis, wie denn auch, obgleich es ihmgewiß an Selbstgefühl und Verlangen nach Anerkennung und Ruhm nichtfehlte, wiederholt auf eine uns rührende Weise seine Briefe an den großenFreund die Unvollkommenheit seiner Grammatik und auch anderer seinerWerke hervorheben. Charakteristisch für sein eruptives Schaffen ists auch,daß er Inhaltsübersichten, die bei dem ungeheuren Stoffreichtum aller seinerBücher ein dringendes Bedürfnis des Lesers waren, alssehr pedantisch" ver-schmähte (S. 523, Abs. 3 Schluß).

Auch nicht ihre abweichenden Beurteilungen anderer führender Gelehrtenhaben je zwischen Lachmann und den Grimm eine trennende Schranke er-richtet. In der Ablehnung der Hegelischen Philosophie stimmten sie, wiegesagt, überein: neue wissenschaftliche Methoden scheinen sich durchsetzenzu können nur, wenn sie sich gegen jede Betrachtungsweise fremder Art ab-zäunen. Niebuhr wollte von Kant nichts wissen; Jacob Grimm versichert ineinem der hier vorliegenden Briefe, als Lachmann halb scherzend den SohnKarl Ferdinand Beckers, des Verfassers der verdienstvollen und starkwirkenden Deutschen Grammatik auf philosophischer Grundlage, den Sohnseines Gegners nennt, fast mit einer gewissen Empfindlichkeit, dieses Buchnie gelesen zu haben. Der romantischen Mythendeutung Creuzers und denzu strengerer Methode nicht vorgedrungenen ersten Sämännern altdeutscherStudien, den Schlegel, Büsching, Docen, von der Hagen, Mone, Zeune, Maß-mann, Graff haben die Grimm zwar immer nachsichtiger gegenübergestandenals Lachmann, aber im Grunde sie wie er als überwunden betrachtet und vonihnen je länger je entschiedener sich abgekehrt. Über die Leistungen B o p p s,