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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
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LXXI
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Einleitung. LXXI

So wenig solche Verschiedenheit des Umfangs der wissenschaftlichenInteressen die beiden Freunde von einander innerlich entfernte, hat das derfundamentale Oegensatz ihrer Arbeitsweise zu tun vermocht. Jacob Grimmwar durch und durch eine monologische Natur, wie ihn Scherer treffend ge-nannt hat. Er meinte, daß er sich am besten geborgen fühlen würde inklösterlichem Leben ohne andern Mönchsdienst, wenn es so etwas unter Pro-testanten gäbe, und mit Recht durfte er von sich sagen:Es ist so meineNatur, daß ich aus Umgang und Lehre immer weniger gelernt habe als durchmich selbst" (13. Mai 1840, S. 711). Lachmann, so viel und Großes er seinemeigenen Genie verdankte, war doch aus der alten Tradition der klassischenStudien hervorgegangen, die ihm in Göttingen durch den ästhetisch gestimmten,den Realien zugewandten Christian Gottlob Heyne, den Lehrer derBrüder Schlegel, entgegengetreten war. Er hatte aber sehr bald auch auf sichwirken lassen die Verjüngung der griechisch-römischen Philologie durchFriedrich August Wolf und Gottfried Hermann, und war dann erstzum Bahnbrecher einer neuen Wissenschaft geworden. Und so stark inihm der Forscher den Lehrer überwog, er besaß doch in höchstem Maße undbetätigte die Kraft, durch Anleitung und straffe Zucht persönlich Schüler heran-zubilden zu seiner Methode der kritischen Philologie.

Lachmann hat in jungen Jahren Meisterwerke geschaffen: 1816 alsDreiundzwanzigjähriger seine Ausgabe des Properz und seine Habilitationsschriftüber den Ursprung der Nibelungensage. Er war früh gereift und fertig. Abersein schriftstellerisches Schaffen war immer nur die knappste, gedrängtesteZusammenpressung einer langen vorausgehenden wissenschaftlichen Gedanken-arbeit, und die Darstellung seiner kritischen, sagengeschichtlichen, metrischenForschungsergebnisse bot er in einer fast skeletthaften Körperlosigkeit oderaufgelöst in wortkarge Anmerkungen. Lachmann war sich dieses Mangelssehr bewußt. In einem Brief an Wilhelm Grimm fügt er seiner tiefgehendenBetrachtung über das Werden des Epos als Schluß die Worte hinzu:Siemüssen bei einem, dem es schwer wird erträglich zu schreiben, schon sovorlieb nehmen" (Herbst 1820, S. 767). Jacob Grimm hingegen, ein modernerHerakles der Wissenschaft, getrieben von der in ihm glühenden dämonischenUrkraft des Findens und Sammeins, Forschens und Entdeckens, ungeheurewüst daliegende Stoffgebiete erst der wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglichmachend, schuf ohne vorher gefaßten Plan, ohne genauere und streng fest-gehaltene Einteilung und Gliederung der Darstellung, ohne Konzept immeraus erster Niederschrift, wie sie ihm in heißem Drange der Gedanken auf dasPapier floß, sofort für den Druck, mit dem Setzer wetteifernd. Er hat nacheigenem Geständnis sein Hauptwerk, die 'Deutsche Grammatik', fertig und im