LXX Einleitung.
Hingewiesen sei hier besonders auf Jacob Orimms leise Beanstandungder in Lachmanns Textkritik keine ganz klare Rolle spielenden Zerlegung desGedichts von der Nibelunge Not in Abschnitte von 28 Zeilen („diese selt-samen Heptaden"), und auf seine Bemerkung über das entsprechende Auf-gehn der Verszahl des 'Iwein', 'Parzival', 'Willehalm' in Versgruppen von30 Zeilen (Februar 1836 S. 662 f.) wie über Lachmanns Herausschälung vonzwanzig ursprünglichen Nibelungen-Liedern. Jene Zerlegung in Abschnitteaus Heptaden kommt Jacob Grimm vor wie ein Rahmen, wie ein Netz, in diedas Gedicht verstrickt wird, ohne ihrer zu bedürfen. Aber die hier sich an-deutende Verschiedenheit der Auffassung hat lange ebensowenig wie diezwischen Wilhelm Grimm und Lachmann brieflich erörterte ihrer Ansicht überWesen und Entwicklung der deutschen Heldensage das herzliche Verhältnisgefährdet. Standen sie sich doch auch in ihren politischen Anschauungennahe genug, um niemals in der Beurteilung der Übeln Lage der Weltverhält-nisse ernsthaft sich von einander zu entfernen.
Durch die Juli-Revolution von 1830, die wir heute sehr kühl betrachten,die aber Goethe mit einem nahezu fassungslosen Entsetzen, Niebuhr mit ver-zweifelndem Pessimismus erfüllte, schien Jacob Grimm „eigentlich wieder unseralles auf dem Spiel" zu stehen, während Lachmann die schwarzen Prophe-zeiungen nicht begriff und seine Zeit, in die er sich freilich vergnügt undheimisch nicht finden konnte, nur eine wunderbar unpoetische nannte, dieaber groß sei in der Kritik im hohen Stil über den Absolutismus des 17.und 18. Jahrhunderts (S. 552. 554).
Mit Rührung lassen uns die Briefe verfolgen, wie die drei Großendie Mängel ihrer wissenschaftlichen Begabung durch wechselseitige Beihilfeergänzen. Lachmann, der Formalphilolog, will für die in Ulrichs von Lichten-stein 'Frauendienst' genannten Personen seiner Ausgabe keine Nachweise ausUrkunden, sondern nur ein Namenverzeichnis beigeben (S. 533 f., 20. März 1829)dagegen rät Jacob Grimm, aus zwei modernen Regestenwerken die Belegeauszuziehn (S. 534 f.). Lachmann hat zwar selbst den Rat nicht ausgeführt,aber durch seinen Freund, den Historiker Theodor von Karajan, diese Lückedem Wunsche Grimms entsprechend ergänzen lassen. In der Casseler latei-nischen Apokalypse-Handschrift des 8. Jahrhunderts will er sich um die be-gleitenden lateinischen Homilien, auf die Jacob Grimm Wert legt, nichtkümmern, weil ihn nur das textgeschichtliche Problem der Überlieferung desNeuen Testaments fesselt (S. 531. 533, 16. 20. März 1829). Aber Jacob Grimm,universeller und sachlicher eingestellt, läßt nicht nach in seiner Forderung undrät, den Theologen Lücke über den Verfasser und das Alter der Stücke zuRate zu ziehen (S. 534, 535 f.).