Einleitung. LXVII
Als Lachmann im Sommer 1827 sein Berliner Nibelungenkolleg (ebensowie von der Hagen) nicht zustande gebracht hat, schreibt er boshaft scherzendan Jacob Orimm, im nächsten Semester werde er aber nun über den Titurellesen und zeigen, daß in dem Brackenseil des Schionatulander die ganzeHegeische Philosophie steckt (S. 516). In diesem scharfen Widerstand gegendie Übergriffe der Hegeischen Schule war er ganz einig mit den BrüdernGrimm, die namentlich auch durch die Kritik von Gans über den vierten Bandvon Savignys Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter sich gekränktfühlten.
Alle, die Lachmann im Leben näher kannten, rühmten einstimmig seineLiebenswürdigkeit, hilfsbereite Güte, seine Fröhlichkeit und seinen niemals ver-siegenden Humor im geselligen Verkehr. Auch der gegenwärtige Briefwechselgibt dafür viele köstliche Zeugnisse. Wie anmutig und herzlich nimmt Lach-mann am Familienleben der Brüder teil! Wie liebreich und sinnig in Scherzund Ernst weiß er die Zuneigung der Frau und der Kinder Wilhelm Grimmszu erwecken und sich zu erhalten! Innerlich kalten und hochmütigen Menschengelingen diese Eroberungen nicht. Sein weiches Herz enthüllt sich ergreifendbeim Tode Schleiermachers in männlich starker Trauer. Und welch zärtlicherTon schwingt in der traulich derben Liebkosung, mit der sein gelehrter Dank-brief über Wilhelm Grimms Freidank-Ausgabe (IQ. November 1834) am Schlußdas Haus des Freundes umfaßt: „Da Ihr einmahl nicht kommt (es wäre freilichbesser), so kriegt man ordentlich Sehnsucht Euch liebes Pack wieder zu be-suchen." Eine fast jungenhafte Spaßlust aber verrät das drollige Billet auf derRheinreise aus Göttingen, das seine und Buttmanns Ankunft in Kassel unddie Freude auf die „bestellten Feldhühner" meldet (7. September 1839).
Die Harmonie der drei großen Forscher steigt in diesem Briefwechselaus einem Ozean von Gelehrsamkeit und Scharfsinn als leuchtende Sonneauf: sie war eine wirkliche Seelenverwandtschaft und jahrelang auch volleSeelengemeinschaft. Auf ihrer schönsten Höhe steht sie in den Jahren 1833und 1834, als Lachmann seine Wolfram-Ausgabe „Drei Freunden in GöttingenGe. Fried. Benecke Jac. Grimm Wilh. Grimm zum Gedächtniß treues Mit-forschens" widmete und Jacob Grimm als Gegengabe ihm seinen 'Reinhart Fuchs'darbrachte, das Buch, an dem er unter allen seinen Werken nach eigenemGeständnis die größte Freude empfunden. Man muß die Briefe lesen, die denDank und die entzückte Überraschung über diese Widmungen beiderseits be-kunden, um voll nachzufühlen, wie warm und innig die gemeinsame wissen-schaftliche Arbeit die Herzen der drei Freunde durchströmte und zusammen-hielt. Damals fand Jacob Grimm in der Freude über Lachmanns 'Wolfram',den er ja auch in seinem Nachruf auf den toten Freund neben dem 'Lucrez'
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