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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LXVI
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LXVI Einleitung.

Es ist sehr leicht, über Lachmanns in der Tat manchmal furchtbar harteund schroffe Urteile den Stab zu brechen. Aber man tut ihm Unrecht undverkennt sein menschliches Wesen völlig, wenn man ihn darum für gemütloshält. Er empfand vielmehr rasch, stark und tief in Liebe und Abneigung, Be-wunderung und Verachtung und gab seinen Empfindungen lebhaften, oft allzuheftigen Ausdruck. Eine Natur wie die Wilhelm von Humboldts mit ihreräußerlichen Kühle und Zurückhaltung stieß ihn daher ab. Dessen allerdingssehr förmlicher Dankbrief für Übersendung der Wolfram-Ausgabe erregte ihntagelang:Diese Todtenkälte, dies vornehme Anerkennen des Fleißes in einemBuche, dem man wohl ansehn muß daß es mit Liebe gemacht ist, ist mir nochjetzt so widerwärtig daß ich vielleicht doch noch lieber das Buch [Humboldts]über Hermann und Dorothea lesen würde als diesen Brief" (2. Juni 1833,S. 6101).

In Lachmann paarten sich zu einer wunderbaren Verbindung weicheszartestes Gefühl, das inniger Freundschaft und Liebe fähig war und ihrer be-durfte, mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit und sittlicher Strenge gegen sich wiegegen andere. Hochmut oder Herzenskälte und Menschenverachtung, die manauf Grund oberflächlicher Eindrücke an ihm wohl finden konnte und seineGegner oft ihm vorgeworfen haben, lagen seiner Natur völlig fern. Mit Rechtdurfte er an Wilhelm Grimm von sich schreiben:Ich bestehe auf nichts hart-näckig als auf dem Finden der Wahrheit" (17. Juni 1820, S. 750). Diese Selbst-charakteristik des jungen Königsberger Extraordinarius, der zwei Jahre zuvorgleich bei seinem ersten Auftreten sentimentalen Schöngeistern durch seinekühle Beurteilung Matthissons und Tiedges den Anschein überheblicher Tadel-sucht erweckt hatte, bleibt bestehn für sein ganzes wissenschaftliches undmenschliches Wesen. Sie findet ihren reinsten Widerklang in Jacob Grimmsspäterem schönem Wort:Die freude jedes Studiums ist die Wahrheit" (7. Okt.1833, S. 627). Lachmanns eben angeführter Jugendbrief an Wilhelm Grimmbringt auch andere Bekenntnisse, die seinen Wesenskern erleuchten: die wohl-begründete Abrechnung mit des betriebsam fleißigen von der Hagen Trägheitim Sprachlichen, mit Büschings allseitiger Faulheit, mit Creuzers 'phäosophemata',die freilich Wilhelm Grimms Antwortbrief (S. 763 f.) in Schutz nimmt, mit desihm lange befreundeten Bunsen vorschnell geistreichem Scharfsinn in luftigerMythen-, Geschichts- und Sprachdeutung. Er erzählt, Bunsen, sein GöttingerStudiengenosse, habe ihnzuletzt förmlich verachtet", weil erimmer im Kleinentreu zu sein bemüht war". Im Kleinen treu sein! Das ist in der Tat dieQuelle der Größe Lachmanns, aber zugleich ebenso auch der Brüder Grimm.Und sie auch ist es, die Lachmann an Lobeck im Gegensatz zu Creuzerrühmte (S. 748 f.).