Einleitung. LXIII
Schon ihre materielle Lage blieb immer äußerst bescheiden: die der Grimmslängere Zeit im Kasseler Bibliotheksdienst sogar bedrängt, in Göttingen rechtknapp, selbst nach der Berliner Berufung im Zenith ihres Ruhms keineswegsglänzend; die Lachmanns gleichfalls nur für seinen anspruchslosen Jung-gesellenstand ausreichend. Aber viel schwerer lastete auf allen drei, wie ihrBriefwechsel an vielen Stellen mit einer Tragik ausspricht, der eine bittereKomik beigemischt ist, fortgesetzt die Kette der Amtsgeschäfte, die sie zumSchaden ihrer schöpferischen Forscherarbeit mit sich schleppen mußten. Nochim Februar 1836 stöhnt Jacob Grimm über den Ort, an dem er und seinBruder doch, was auch manche Äußerungen im vorliegenden Briefwechseldurch anschauliche kleine Züge beleuchten, in Benecke, dem Lehrer Lachmanns,einen alten treuen fürsorglichen Freund und urteilsfähigen Mitforscher fandenund bald in Dahlmann, Göschen, Otfried Müller, Gervinus neue Freunde ge-wannen: „Es sieht mich hier fremd an aus allen gassen und ich möchtemanigmal auf und davon."
Es hat etwas Peinigendes, wenn Jacob Grimm aus diesem ihm und denSeinen wegen des steifen Hofratstons und anderer Dinge unangenehmenGöttingen Klage erhebt über seinen sechsstündigen Bibliotheksdienst, wo er„wie ein Knecht im Joch", „unter beständigem Herumrennen Bücher aufzusuchen,andre hinzustellen", den unzulänglich gewordenen Realkatalog der englischenGeschichte zweimal auf einzelne Zettel abzuschreiben hat, wo sein eigen-sinniger kleinlicher und grillenhafter Vorgesetzter, der steinalte Bibliotheks-direktor ihm die wissenschaftlichen Neuerscheinungen unzugänglich macht,indem er sie ein Jahr ungebunden bei sich liegen läßt, dann für ein halbesJahr dem Buchbinder übergibt und nachher den Rezensenten der Göttingischengelehrten Anzeigen zuschickt, so daß sie in den drei ersten Jahren nicht zuhaben sind, wo derselbe Gemütsmensch auch die gelehrten Zeitschriften erstaus seiner Stube hergibt, wenn^sie ein Vierteljahr alt geworden sind, so daßdie Grimms z. B. Lachmanns Kritik über ein verfehltes Wolframbuch desHegelianers Rosenkranz nicht lesen konnten und genötigt waren, die Zeit-schriften sich von auswärtigen Bibliotheken kommen zu lassen oder selbst zuabonnieren.
Kaum geringere Qual empfindet der Leser, wenn Lachmann wiederholtder unendlich zeitraubenden Nebenpflichten gedenkt, die ihn zwingen, Probe-lektionen der Schulamtskandidaten anzuhören und Massen von Schüleraufsätzen,etwa die Prüfungsarbeiten der Pommerschen Gymnasien, zur Kontrolle desUnterrichts durchzusehen.
Allein härter fast als solch äußerer Druck unliebsamer Lebensgestaltungtraf mancher, das persönliche Gebiet berührende Verdruß, dessen Zeuge wir