LXII Einleitung.
kein Enkel bist" (28. Dezember 1830). Allerdings verfügen die jetzt lebendenEnkel, wenn sie in Berlin oder an irgendeiner andern deutschen Universitätdie Geschichte der altdeutschen Poesie oder die Nibelungen im Kolleg behandeln,über größere Hörerzahlen, über Mengen, die Lachmann sicher phantastisch er-scheinen würden, und gewiß kann anderseits ein mehrstündiges Spezial-Kollegüber Otfried selbst heute schwerlich auf großen Zulauf rechnen.
Aber dies bleibt bestehn: sowohl Lachmanns als auch Jacob OrimmsVorlesungen haben auf die Dauer keine größeren Hörerscharen angezogen;Als Jacob Orimm 1841 seine Vorlesungen in Berlin aufnahm, fand er freilichmehrere hundert Personen versammelt. Jedoch die Zahl der eingeschriebenenHörer betrug dann selbst für dieses erste Kolleg nur 33, für die DeutscheGrammatik im folgenden Winter 63, für die Germania im Sommer 1843 61;im nächsten Winter schon hatten sich für seine Grammatik nur 33 einge-schrieben, und die fünfte und letzte Vorlesung, die er in der Berliner Universitätgehalten hat (im Sommer 1847), zählte gar nur 26 Zuhörer (vgl. Max Lenz,Geschichte der Universität Berlin II 2, S. 145). Lachmann hat nicht einmaldiese Hörerzahlen erreicht. Er schrieb an Jacob Grimm, bald nachdem dieserin Göttingen seine Vorlesungen zum ersten Mal begonnen hatte, was er selbstdarüber empfand: „Nicht wahr? es ist eine dumme Einrichtung, daß sie zubestimmter Stunde sind; zumal für Leute wie ich, die aus der Hand in denMund leben, und sich durchaus nicht schon heute auf morgen früh 8 Uhrvorbereiten können", und warnend fügt er hinzu: „Lassen Sie nur dieGrammatik nicht unterkriegen" (20. Mai 1830).
Ihm wie Jacob Grimm lag die an keine Stundenordnung gebundeneschöpferische Freiheit des Forschens mehr am Herzen als der regelmäßigeLehrbetrieb, der Fertiges in fester Dosierung geben muß. Allerdings warendamals — dies halte man sich gegenwärtig — in den historisch-philologischenFächern, namentlich aus naheliegendem Grunde in der eben ihrer Wiege ent-wachsenden germanistischen Wissenschaft die Besuchsziffern der Privatvor-lesungen von ihrer heutigen Höhe ganz allgemein weit entfernt, Lachmannlas im Winter 1841 über den Parzival vor 4 Zuhörern (an Haupt 27. November1841), und mehrfach gestaffelte überfüllte Seminarübungen mit den zu Bergensich türmenden schriftlichen Arbeiten, deren Durchsicht heute den germanistischenProfessor jedes Semester aufs neue zum Sisyphos macht, hat man, als Grimmund Lachmann die Studenten in ihre Urwaldrodung blicken ließen, noch nichteinmal geahnt. Gleichwohl haben auch die heutigen germanistischen Universitäts-lehrer keinerlei Ursache, die beiden Briefschreiber um die äußern Verhältnisse,in denen sich ihr gelehrtes Wirken abspielte, auch nur im geringsten zu be-neiden.