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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
LX
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LX Einleitung.

und Kauffmann angestellten Überlegungen bereits auf Sicherheit oder Wahr-scheinlichkeit Anspruch erheben dürfen, i) Grundsätzlich sind sie von höchsterBedeutung als Symptome der Überbrückung jener Kluft, die Jacob Grimmsund Lachmanns Sprachbetrachtung trennt.

Dem Sprach- und Sachforschung vereinenden 'Bayerischen Wörterbuch'Schindlers, des Freundes der Brüder Grimm und Lachmanns, folgend, suchenschon das 'Schweizerische Idiotikon' (1881 ff.) und das 'Schwäbische Wörter-buch' (1901 ff.), mehr noch die im Erscheinen begriffenen oder vorbereitetenMundartenwörterbücher der Preußischen Akademie der Wissenschaften imNaturleben der Sprache auch den Kulturgehalt darzustellen. In der Dialekt-geographie Ferdinand Wredes und seiner Schüler, die aus GeorgWenkers jetzt endlich als 'Deutscher Sprachatlas' (1. Lieferung: Marburg,N. G. Elwert, 1926) an die volle Öffentlichkeit tretenden Lebensarbeit erstand,in Hermann Teucherts Zeitschrift 'Teuthonista', in dem Buch 'Kultur-strömungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden' von Aubin-Frings-Josef Müller (Bonn, Röhrscheid 1926), in Paul Kretschmers 'Wort-geographie der deutschen Umgangssprache' (Göttingen, Vandenhoeck undRuprecht 1918) bekundet sich aus verschiedenem Anlaß die gleiche Über-zeugung: Sprachgeschichte ist sowohl Siedlungs- als Bildungsgeschichte,immer aber Verkehrsgeschichte. Und dem geht parallel der Zug zum Ethno-graphisch-Sachgeschichtlichen in RudolfMuchs und Rudolf Meringerssprachwissenschaftlichem Aufbau der germanischen und indogermanischenAltertumskunde.

In der gegenwärtigen Lage der germanischen und romanischen Philologiewird nach alledem der Briefwechsel Grimm-Lachmann doch ein zeit-gemäßeres Aussehen haben, als man von vornherein erwarten mag. Natur-sprache und Sprachgestaltung, naive Wiedergabe ererbter Sprachform undregelndes Sprachbewußtsein um diese beiden Pole kreist das gesamtesprachliche Leben, und sie sind in dem Briefbündnis zwischen Grimm undLachmann mit persönlichster Leibhaftigkeil verkörpert. Eine überreiche, jabeinahe unerschöpfliche Fülle des Stoffs liegt für den kundigen Leser in diesenBlättern bereit, um für das Verständnis der ewigen großen Antinomie, inder das Wunder der Sprache sein Geheimnis birgt, gute Dienste zu leisten.

1) Widerspruch erhoben R. C. Boer und J. J. A. A. Frantzen, NeophilologusI (1916) 103-11; II (1917) 11015: grundsätzlich zu Jacob Qrimm und Raumerzurückkehrend, erblicken sie in den beiden Lautverschiebungen die Wirkungen einereinheitlichen Besonderheit der germanischen Artikulation und finden diese auch inLautveränderungen der modernen skandinavischen Sprachen wieder. Vgl. dagegenFeist, Neophilologus II 2034; Indogerman. u. Germanen 2 8289.