Einleitung. L1X
mitgemachte alemannisch-bayrische Lautverschiebung der Medien 1 ) zuTenues hat nach Kauffmann im 5.—6. Jahrhundert begonnen und war eineÜbernahme romanischer Lautgebung. Noch jünger als diese Medienverschiebungist die oberdeutsche Verschiebung von k im Anlaut, in der Verdopplung undinlautend nach 1 n r zu ch 2 ). Sie setzt Kauffmann ins 8. Jahrhundert undleitet sie aus der rätischen oder rätoromanischen Sprache her. Für Kauffmannist die bestimmende Macht der althochdeutschen Sprachgeschichte der Ver-kehr innerhalb des fränkischen Reiches: er vermittelte zwischen den einzelnenMundarten einen Ausgleich, rief Kreuzungen oberdeutscher und fränkischerSprachtriebe hervor und führte zu vielfachen Wortwanderungen.
Kauffmann bemüht sich, den schon von Scherer betonten Anteil des Affektszu erhellen, „die Sprachgeschichte zu einer Stilgeschichte in grammatischemSinne auszugestalten". Er fordert, daß die „allzufesten Schranken, die den all-gemeinen Sprachgebrauch von dem Stil literarischer Kunstwerke total undprinzipiell trennen sollen, beseitigt werden sowohl in der Syntax wie in Wort-bildungs-, Flexions-, Laut- und Orthographiegeschichte" (S. 337 f.). Er meint:„Es waltete über dem ahd. Sprachgebrauch ein höheres Prinzip als das Laut-gesetz". Schon die Lautgesetze und erst recht die sogenannten Analogie-bildungen will Kauffmann nicht mit Naturgesetzen, sondern mit Stilgesetzengleichstellen und das Problem der hochdeutschen Lautverschiebung nur alsein stilgeschichtliches Problem lösen, die neue deutsche Sprachform nicht bloßvon Lautgesetzen, sondern auch von sprachschöpferischen Analogiebildungenaus den Anregungen ausländischen Sprachgebrauchs herleiten.
Man sieht: diese bildungsgeschichtliche Betrachtungsweise vollendet dieAnnäherung zwischen einer Forschungsrichtung, die in der Sprache nach JacobGrimms Vorgang ein elementares Naturleben, ein unbewußtes Wachsen verfolgt,und jener andern, die mit Lachmann die bewußte individuelle Sprachgestaltungin literarischen Werken zum Gegenstand nimmt. Während noch Hirt diegermanische Lautverschiebung entstehen lassen wollte durch den Übergangvon der alten aus dem Indogermanischen ererbten musikalischen Betonungzum Starkton (exspiratorischen Akzent), suchen Feist für beide Laut-verschiebungen, Kauffmann besonders für die hochdeutsche die bewegende Ur-sache in kolonisatorischen Völker- und Sprachmischungen, in sozialen Kultur-einflüssen. Es bleibe dahingestellt, wie weit die Ergebnisse der von Feist
1) Alts, dohter, bindan, biodan = oberd. - hochfränk. tohter, bintan, biotan;fränkisch beran, lamb, sibbia, geban, sibun = gemeinobd. pe'ran, sippa, lamp,alemann, keban, sibun, bayer. kepan, sipun; fränkisch gast, geban, ouga, stlgan,liggen, ruggi = altobd. käst, keban, ouca, stican, likkan, rucki.
2) Frank, körn, werk, wecken = obd. chorn, werch, wecchan.