LVHI Einleitung.
Für den Ursprung der hochdeutschen Lautverschiebung hatte schonJacob Grimm in seiner 'Geschichte der deutschen Sprache' darauf hin-gedeutet, daß „ein so heftiger Aufbruch des Volkes auch seine Sprache er-regt" haben müsse, für die erste (germanische) wie für die zweite (hochdeutsche)Lautverschiebung hatten Müllenhoff und Scherer die großen Umwälzungender Übersiedlung in neue Wohngebiete, die 'soziale' Umwandlung, die durchdie Okkupation des Landes, durch Akklimatisieren und Einleben hervor-gerufen wurde, als ursächliche Faktoren betrachtet. Andere Gelehrte (PenkaHirt, Kretschmer) hatten dann dabei an die Verschmelzung germanischer undkeltischer Bevölkerungs- und Sprachelemente im südlichen und südwest-lichen Deutschland gedacht.
Der durch Scharfblick und Sorgfalt ausgezeichnete Erforscher der nieder-rheinischen Mundarten Konstantin Nörrenberg, ein Schüler von Wil-manns, hatte hingegen zuerst den oberdeutschen Akt der Lautverschiebung (dieVerschiebung der Medien b d g zu den Tenues p t k) auf die provinzial-römische Bevölkerung rätischen (etruskischen) und rätoromanischen Stammeszurückgeführt (Globus 1900 Bd. 77, S. 387, 3), Siegmund Feist sowohl kelti-schen als rätoromanischen Einfluß behauptet (Beiträge 1910 Bd. 36, 307 ff.340 ff.; 1911 Bd. 37, 115 f.; Indogermanen und Germanen, 2. Aufl., Halle a. S.,Niemeyer, 1919, S. 17—46). Kauffmann aber unternahm als erster, den sprach-lichen Anstoß, der von den Völkerwanderungen ausging, durch genaue Einzel-nachweise aufzudecken. Er findet in dem uns überlieferten Bibelgotisch einendurch Gräzisierung gekennzeichneten Kolonialtypus, ein Produkt ost-germanischer Völkerwanderung, verfolgt daneben aber auch die Spuren einerRomanisierung (Italienisierung) dieser gotischen Kunstsprache im 6. Jahrhundert.Die Westgermanen erfuhren nach seiner Darstellung romanische Einflüsse, dieim Angelsächsischen den Kolonialtyp der anglof riesisch - ursächsischenGrundsprache erzeugten. Die hochdeutsche Lautverschiebung sondert erin zwei zeitlich scharf getrennte Phasen: die ältere umfaßt die gemein-hochdeutsche Verschiebung der Tenuis t (im Anlaut, außerdem im Inlautnach Konsonanten oder in der Verdoppelung) zu z 1 ), ferner intervokalischert, p, k zu 33, ff, hh 2 ). Diese Verschiebung verlegt Kauffmann ins erste Jahr-hundert n. Chr. und vermutet darin eine Folge des Einflusses einstiger Kelten-bevölkerung Mitteldeutschlands. Die zweite Phase, die auf Oberdeutsch-land beschränkte, aber auch von den in Italien eingewanderten Langobarden
1) Altsächs. tiohan, herta, holt, settian = ahd. ziohan, herza, holz, setzen.
2) Altsächs. etan, lätan, släpan, makön == ahd. eggan, lägjan, släjfan,mahhön.