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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
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LVII
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Einleitung. LVII

Der Aufschwung im Studium der neuhochdeutschen Schriftsprache, dendas fast gleichzeitige Hervortreten mehrerer innerlich und äußerlich freilichsehr verschiedener Darstellungen und Untersuchungen eingeleitet hatte, wirktezurück auf die wissenschaftliche Behandlung der mittelalterlichen deutschenSprache. Gegenwärtig ist, fast schon seit einem Menschenalter, das Werdender schriftsprachlichen Bewegung nach ihrem weitesten Umfang und mit allenihren Abstufungen, Spielarten und Gliederungen eine wichtigste Aufgabe undein eifrig gepflegter Gegenstand der deutschen Philologie. Während gegen-über Jacob Grimms und Lachmanns unsichern und nicht klaren Hypotheseneiner alt- und mittelhochdeutschen Hof- oder Schriftsprache eine Zeitlang dieLehre Franz Pfeiffers und Hermann Pauls, daß jeder mittelalterliche Schrift-steller lediglich in seiner heimatlichen Mundart geschrieben habe, in weiten Ger-manistenkreisen mehr oder minder entschiedenen Beifall errang (kaum freilichunter den Romanisten!), sind durch eine Reihe höchst sorgfältiger und subtilerlautgeschichtlicher und schreibungsgeschichtlicher, lexikalischer, metrischer undstilistischer Untersuchungen (von Behaghel, Hermann Fischer, Stein-meyer, Kauffmann,Roethe, Kraus, Zwierzina, Edward Schröderu. a.), deren Ergebnisse noch keineswegs ihren Abschluß erreichten, Lachmannseinstige Feststellungen über die Kunstsprache der mittelhochdeutschen Dichterwieder zu Ehren gekommen und so die Quelle geworden verfeinerter Beob-achtungen und weittragender Erkenntnis über das Zurückweichen des grob Mund-artlichen vor dem mehr oder minder klar erstrebten Ideal einer Gemeinsprache,d. h. einer durch Anlehnung an die literarischen großen Muster, an die Traditioneiner Dichtersprache oder Kanzleisprache, autoritativen und weiten GebietenDeutschlands leichter verständlichen Sprache der Bildung.

Dieser Umschwung hat selbst auf die Erklärung derjenigen Sprachwand-lungen und Spracherscheinungen eingewirkt, die bis dahin fast allgemein nurals Teile der Naturseite des Sprachlebens galten und deshalb meistens ledig-lich physiologisch gedeutet worden waren. Friedrich Kauffmann, derdurch seine 'Deutsche Altertumskunde' (München, C. H. Beck, 1913. 1923)Müllenhoffs Werk, den verwandten Versuch OttoBremers überholend, mitsicherem sprachwissenschaftlichen wie philologischen Können weiter geführtund eine fruchtbare Fühlung der historisch-antiquarischen Wissenschaft mitder seither mächtig aufgeblühten, von Schuchhardt, Kossinna, Ebert undanderen geförderten archäologisch-prähistorischen Forschung wie mit der tief-eingreifenden Limes-Kunde hergestellt hat, leitete jetzt (Zeitschrift für deutschePhilologie 1915 Bd. 47, S. 333393; 1919 Bd. 48, S. 780) den Sprachstandder gotischen Bibelübersetzung und die hochdeutsche Lautverschiebung ausKulturerlebnissen der Völkerwanderung ab.