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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
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LVI
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LVI Einleitung.

Teutsch' der Kanzlei- und Drucksprachen, anderseits von der partikularistischrevoltierenden Geniesprache des jungen Goethe und deren späterer Über-windung durch Wiederannäherung an das 'meißnische' Hochdeutsch. Dabeierlangten auch die von Jacob Grimm als lästige Sperren auf seinem Weg zurErkenntnis des Naturwesens der Sprache beiseite geschobenen Leistungender neuhochdeutschen Sprachtheorie des 16.18. Jahrhunderts in Grammatiken,Poetiken, Lehrbüchern des Stils die ihnen zukommende Wertschätzung alsunverächtliche Zeugnisse einer redlichen, fleißigen und tief patriotischen Arbeit amAufbau und an der Sicherung einer gebildeten und einheitlichen Literatursprache.

Ich selbst habe seit mehr als dreißig Jahren der Ansicht Geltung zu ver-schaffen und sie durch eigene Forschung tiefer zu begründen und fruchtbarzu machen gesucht, daß jede sprachliche Wandlung nicht einfacher Natur-vorgang, sondern der sprachliche Reflex einer Kulturströmung sei, entsprungenaus deren überlegener oder als überlegen empfundener gesellschaftlicherMacht. Sprachgeschichte ist, wie ich es ausdrücke, Bildungsge-geschichte. Was ich für die deutsche Sprachgeschichte zur Anerkennungzu bringen mich so lange bemühe, hat später, aber auch schon seit mehr alszwanzig Jahren, für das Französische als willkommener Bundesgenosse mitgeistvollem Scharfsinn KarlVoßler verfochten. Er hat das Schöpferischein den Sprachveränderungen betont. Viel früher aber als wir beide (1862) hatteder geniale Theodor Benfey sich jeder Auffassung der Sprachwissenschaftwidersetzt, die ihr den Charakter einer Naturwissenschaft beilegt oder sie diesernähert. In seiner noch heute höchst lesenswerten Kritik der 'Lectures on thescience of language' Max Müllers bekämpft er das Bild vom 'Wachstum' derSprache und behauptet für die Sprachentwicklungeine keineswegs unbeträcht-liche Einwirkung des Individuums, des individuellen Geistes": Bildung neuerWorte, Zurückführung alter, Umwandlung der Bedeutung bestehender Worte,Umgestaltung des ganzen Wesens der Sprache durch große'Schöpfungen'von Wort-Kunstwerken. Anderseits erkennt er sehr richtig, daß auch in andernmenschlichen Entwicklungendie stillen unkontrollierbaren Wirkungen des all-gemeinen Geistes die des individuellen" fast ebenso weit überragen wie inder Sprache: in der Entwicklung von Sitten und Gebräuchen, in der Mode,in der Entwicklung des Rechts, der Religion, des Staats (Kleinere Schriften I 2,S. 124-127).

Zusammenfassend darf man über das uralte Problem so viel sagen: nebendem naturhaften Leben der Sprache waltet unablässig wirkend das Sprach-bewußtsein, und aus ihm fließt sichernd, ausgleichend, verdeutlichend,regelnd oder auch künstlerisch verfeinernd, veredelnd, verschönernd die S p r a c h -gestaltung.