Einleitung. LV
des einzelnen Dichters wie der poetischen Gattung. Sie gelangte auf dieserGrundlage aber auch weiter zur Scheidung des Überlieferten, Konventionellenvon dem Neugeschaffenen, Individuellen.
Zuerst sind diese motiv- und stilgeschichtlichen Untersuchungen und diedaraus fließenden Darstellungen dem deutschen Minnesang zugute gekommen,beginnend mit dessen Frühzeit, dann über Heinrich von Morungen, Reinmarvon Hagenau zu Walther und allen Epigonen vordringend und die gesamteSpruchdichtung von Reinmar von Zweter bis Frauenlob umfassend. Kein Ge-ringerer als Ulrich von Wilamowitz, dessen Lebenswerk in so mancherHinsicht auch der deutschen Philologie ein Vorbild gibt, hat in seiner schönenRettung derSappho (Göttingische gelehrte Anzeigen 1896 Nr. 8,S. 629) i) anerkannt,daß von diesen Leistungen unseres Fachs die griechisch-römische Philologieihrerseits lernen und sich den Weg weisen lassen konnte zu einer ihr nochfehlenden Topik des hellenischen Mittelalters'. Jedesfalls hat die Stilanalyseund Stilgeschichte, die Motivanalyse und Motivgeschichte des mittelalterlichenMinnesangs und die sie begleitende und ihr folgende verwandte Durchleuch-tung der mittelhochdeutschen Epik eingewirkt auch auf die Methode derdeutschen Sprachwissenschaft und hat dazu beigetragen, daß diese allmählichdie naturgesetzliche Betrachtungsweise, das mechanistische Verfahren, die ein-seitig phonetische Richtung, die vorwiegende Berücksichtigung des prähisto-rischen Sprachstands aufgab und mit den inneren, geistigen Mächten dessprachlichen Lebens, mit der geschichtlich überlieferten, in Schriftdenkmälernsich bekundenden Sprache, mit der bewußten Sprachgestaltung Fühlung suchteund fand. Mitgewirkt hat dabei auch der Aufschwung syntaktischerForschung: über Jacob Grimms nur den einfachen Satz umfassender, be-wundernswerter Grundlegung stieg eine den Gesamtbereich der Satzbildungerschöpfende, vergleichende und geschichtliche Darstellung empor, die, durchMiklosichs und Berthold Delbrücks Beispiel und durch theoretischeErörterungen Scherers gefördert, in den Arbeiten von Oskar Erdmann,Otto Behaghel, Hermann Paul, Wilhelm Braune, HermannWunderlich, Rudolf Blümel, besonders auch John Ries gipfelte.
Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts trat dann das Problemder Entwicklung und Einigung der neuhochdeutschen Schriftsprache,also das Gebiet, für welches Jacob Grimms Grammatik nach seinem eigenenGeständnis eine (von Meusebach oft humorvoll bespöttelte) Lücke gelassenhatte, in den Vordergrund und zwar gleichzeitig von den beiden Endpunktenaus: einerseits von Luthers Bibeldeutsch und dem es vorbereitenden 'gemeinen
.1) Wieder abgedruckt: Sappho und Simonides, Berlin, Weidmann, 1913, S. 70.