LIV Einleitung.
Sprache in ihrem wirklichen tönenden gehörten Laut. Sie ist vielmehr vonAnfang an und überall Ausdruck bereits sprachlicher Reflexion, Normierungund Kunst.
Mit Recht ist daher seit den letzten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahr-hunderts, nachdem schon um dessen Mitte Karl Weinhold in seinem diedeutsche Dialektforschung anregenden Buch über die schlesischen Mundartenauch der mundartlichen Färbung der deutschen Schriftsprache des 17. und18. Jahrhunderts fruchtbare Beachtung gewidmet und nachdem FriedrichZarncke grundlegend die verschiedenen Typen der Drucksprache des 15. Jahr-hunderts sowie ihre Tendenz zum gemeinsprachlichen Ausgleich festgestellthatten, von der deutschen Sprachwissenschaft auch die bewußte Ge-staltung der Sprache, die unter dem Zwange der Sprachgemeinschaft undder Sprachüberlieferung sich vollzieht, eindringender Untersuchung gewürdigt:also jene Sphäre des Sprachlebens, aus welcher der schriftsprachliche Triebund die allmähliche Ausbildung einer Schriftsprache hervorgehn. KarlMüllen-hoffs unsterbliche Vorrede zu den mit Scherer herausgegebenen 'Denkmälerndeutscher Poesie und Prosa aus dem VIII.—XII. Jahrhundert' bestimmte ingroßzügigen, auf genauer Kenntnis und Untersuchung der Quellen ruhendenÜbersichten die schriftsprachlichen Regungen der althochdeutschen Zeit unddie Anfänge des neuhochdeutschen Sprachtypus in der Reichskanzleisprachedes 14. Jahrhunders. Richard Heinzel bemühte sich in seiner scharf-sinnigen 'Geschichte der niederfränkischen Geschäftssprache', die Entstehungund Verbreitung bestimmter schriftsprachlicher Typen zu ermitteln.
Gleichzeitig aber eroberte die germanistische Forschung, lernend von derälteren Schwester, der griechisch-römischen Altertumswissenschaft, je-doch über sie fortschreitend, ein neues Feld und eine neue Methode für diePhilologie. Gottfried Hermann und Lob eck hatten die stilistische undmetrische Observation, beschreibend oder zu Zwecken der Kritik, auf die Höheder Vollendung geführt und dadurch allen philologischen Wissenschaften einunvergängliches Muster aufgestellt. Auch die Germanistik knüpfte an diesesVorbild an: Lachmanns geniales Beispiel und Lehren, auch aus dem vor-liegenden Briefwechsel mächtig hervortretend, lenkte dabei ihren Pflug undführte zu reichen Ernten. Aber sie stellte dann, gleichfalls in der Bahn Lach-manns, aber über seine Leistungen hinauswachsend, die Observation in denDienst der biographischen und literarhistorischen Analyse und Charakteristik:sie benutzte die Beobachtungen über poetische Motive, über Stil, Syntax, Vers-kunst nicht mehr vorwiegend für kritische Fragen, für die Entscheidungenüber Echt und Unecht. Sie schuf sich daraus in fruchtbarster, neuer Syntheseein Gebäude der inneren Chronologie der literarischen Entwicklung sowohl