Einleitung. LHI
Allmählich nämlich empfand man immer stärker und deutlicher, auf demWege naturgesetzlicher Erklärung, den Jacob Grimm zuerst beschrittenhatte und der dann von Scherer, Karl Verner, Johannes Schmidt, Hermann Collitzund anderen mit methodologischer Strenge und vorbehaltvoller Umsicht, von denJunggrammatikern mit fruchtbaren Ergebnissen, aber mit einer dogmatischenSchematisierung verfolgt worden war, läßt sich das Geheimnis der Sprach-entwicklung nicht ergründen. Auf diesem Wege gelangt man in ein Labyrinthimmer neuer lockender, aber immer verwickelterer glottogonischer Rätsel. DieSphinx der indogermanischen Akzentuierung und der urgermanischen Aus-lautsgesetze bedräut jeden Schritt. Hinter der Frage der Vokalabstufung er-heben sich die Frage ihres Lautwerts — Ersatz des ausgefallenen Vokals durchsilbebildenden Stimmton ? oder reduzierter Vokal? J ) —und die Frage der Dehnung,hinter den sonantischen Nasalen und Liquiden, hinter den grundsprachlichenDiphthongen springen deren problematische Längen hervor, hinter den indo-germanischen Wurzeln heischen die 'Basen' gebieterisch die Losung, die alleindas Weitergehen freigibt, und auf stets verworreneren Pfaden umhüllt denWanderer, der immerfort rückwärts strebt zu den äußersten Tiefen der indo-germanischen Sprachentstehung, der verdunkelnde Zweifel, wie weit jemalseine indogermanische Grundsprache auch nur von relativer Einheitlichkeit be-standen habe, wie weit vielmehr am letzten erreichbaren Punkte schon dialektischeVarietäten stehen müssen und wie weit in frühester Zeit Entlehnungenzwischen den einzelnen indogermanischen Sprachen und eine gewisse Sprach-mischung stattgefunden haben.
Auf diesem Wege zeigt sich lediglich das Bild eines elementarenSprachlebens. Und es zeigt sich im Grunde nur in einer Abstraktion, in demSchema eines primitiven Zustands, der jenseits aller Erfahrung und Beobach-tung liegt. Die romantische Sprachansicht, die man längst verjagt glaubte,der durch die Klarstellung des Begriffs und des Geltungsbereichs der Laut-gesetzlichkeit wie der gleichmäßigen Natur urzeitlicher und aller jüngerenSprachentwicklung der Todesstoß gegeben zu sein schien, kauerte hier immernoch in einem Schlupfwinkel und hielt ihren Schild über einer Voraussetzung,die als selbstverständlich galt, aber doch nur ein Traum ist. Die Annahmeeiner rein naturhaften Sprache ist auch noch ein Stück romantischerBestrahlung unserer Sprachquellen. Alle Sprache der Vergangenheit, vollendsdes Altertums, kennen wir nur aus schriftlicher Aufzeichnung. Alle schriftlichfixierte Sprache ist aber niemals mehr unveränderter Abklatsch der natürlichen
1) Für letztere Annahme traten ein Bechtel, Hauptprobleme 128 ff. und Joh.Schmidt, Kritik der Sonantentheorie, Weimar, H. Böhlau, 1895.