L Einleitung.
haben, blieb ihm noch verborgen. Diesen Anteil haben erst die neueren Erkennt-nisse über die Wirkungen des indogermanischen Akzents und ihr Fortleben inden Einzelsprachen bestimmt. Diese modernen Akzentforschungen, einsetzendmit Verners großer Entdeckung, sind noch heute im Fluß. Eine Reihe vonNamen scharfsinniger Gelehrter der Gegenwart, die ihre Träger und Förderer sind,wäre hier zu nennen. Freilich das Wesen der für die indogermanische Grund-sprache erschlossenen Akzentvariationen, die sich in Lautabstufung und Laut-abtönung auswirken, ihre seelischen Beziehungen zu den urzeitlichenMenschen, denen sie dienten, vermögen wir nicht zu erfassen. Insofern behältalso Georg Curtius mit einem Vorwurf in seiner äußerst rückständigenPolemik gegen die neuere an Holtzmann-Benfey-Grein anknüpfende Ablaut-Theorie (Das Verbum der griechischen Sprache2 I 1877, S. 144) Recht: „dieFrage, weshalb denn der Akzent in so launenhafter Weise umspringt", ist noch„ungelöst". Immerhin haben die Analogien der Betonungsverschiedenheitenin den lebenden Sprachen über diese Frage bis zu einem gewissen Grade schonjetzt Licht verbreitet. Das Altindische und das Griechische zeigen nur nochSpuren der zugrunde liegenden Verhältnisse, und diese Spuren unterliegenselbst verschiedener Beurteilung.
Die äußerlich getrennten, an verschiedenen Stellen einsetzenden, innerlichaber doch schon durch die gleiche Tendenz geleiteten Untersuchungen zahl-reicher Forscher auf allen Gebieten der indogermanischen Sprachgeschichtearbeiteten in denkwürdiger Weise zusammen, und trotz manchen sachlichenund persönlichen Gegensätzen und Fehden stieg aus dieser Zusammenarbeitein annähernd gemeinsames System des indogermanischen Vokalismus unddes ihn beherrschenden Ablauts empor. Und der von Jacob Grimm entdecktegermanische Ablaut, zwar der einstigen Gloriole, die sein Entdecker ihm ver-liehen, beraubt, wurde nun erst ganz deutlich in seiner weitgreifenden Wirkungund erwarb nun den neuen Ruhm, ein Hauptstück aus dem phonetischen undmorphologischen Fundament der indogermanischen Sprache neben demGriechischen am besten erhalten, ja es reicher noch als alle andern Sprachenseiner ursprünglichen Anlage gemäß, aber in selbständiger Fortbildung undUmbildung ausgebaut zu haben.
Das neue System des germanischen Ablauts begreift dieses Erbgut ur-indogermanischer Sprachformung als einen gesetzmäßigen Vokalwandel, dernicht nur die Stammsilben und die Wortbildung durchdringt, sondern auch —und hier wird, was Jacob Grimm mit vorsichtiger Zurückhaltung erst ver-mutete, durch die heutige Erkenntnis zur Gewißheit — die unbetontenSilben, die Suffixe und Endungen beherrscht. Wir unterscheiden einefünffache Abwandlung: für die Hauptmasse des urindogermanischen