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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
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XLIX
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Einleitung. XLIX

Und doch waren die drei nach diesen drei kurzen Vokalen benannten Ablauts-reihen untereinander seltsam verschieden, beruhten also offenbar auf willkür-licher Konstruktion eines gekünstelten Schematismus. Die a-Klasse zeigte denGrundvokal (a) meist im Singular des Indikativs des Präteritums (got. gaf,nam; band, halp), die Abwandlungen i, e, o, u auf die übrigen Verbalstellenungleichmäßig verteilt, nur eine Gruppe der a-Klasse (Typus graban, faran) zeigteden Grundvokal im Präsens und den Ablaut im Präteritum. Völlig abweichendverhielten sich die i- und u-Klasse: sie ließen den Grundvokal erscheinenim Plural des Indikativs des Präteritums, die Steigerungen (Diphthonge undlange Vokale) in den übrigen Verbalformen. Die drei Urkürzen waren alsowohl drei Pfeiler, die das Gebälk des Flexionsbaues trugen, aber sie standenzwischen den andern Pfeilern, ihren Steigerungen und geschwächten Steige-rungen, ohne erkennbare Ordnung und Symmetrie. Das neue System desindogermanischen Vokalismus brachte diese Symmetrie. Jetzt fiel die Schrankezwischen der Behandlung des Grundvokals a und derjenigen der beiden andernGrundvokale. Alle drei Konjugationsklassen wuchsen nun zu einer inneren Ein-heit zusammen, die von einem durchgehenden Bildungsprinzip beherrscht war.

Die vermeintlichen Grundvokale i, u in der i- und u-Klasse stellten sichalso jetzt vielmehr als Schwächungen heraus, und die bisher als Steigerungengeltenden Diphthonge ai, au (gotisch staig, baug althd. steig, boug) ver-wandelten sich in Grundstufen, indem man erkannte, daß nur ihr erstesElement das wesentliche (sonantische oder selbstlautende) sei, ai und au also alsaj und aw oder nach der heute üblichen phonetischen Bezeichnungsweise alsai und au, d. h. als Selbstlauter + halbvokalischem Nachlauter verstandenwerden müssen. Dadurch traten die Lautverbindungen ai (= aj) und au ( aw)der Stammsilben in eine Reihe mit den Lautverbindungen ar, al, am, an deralten sogenannten a-Klasse. Sie alle aber, sowohl die mit Liquida oder Nasalals auch die mit halbvokalischem Nachlauter i,u schließenden germanischenStammsilben entpuppen sich als Fortsetzung einer ursprünglichen indo-germanischen Grundstufe mit dem Wurzelvokal e, oder anders ausgedrückt:die alte sogenannte germanische a-Klasse fließt mit der i- und u-Klasse zu-sammen, die germanischen Stammsilbenlaute ar, al, am, an stehen auf gleicherStufe mit aj (aii), aw (au) und gehen in gleicher Weise zurück auf indo-germanisches und griechisches er, el, em, en, ej (eij, ew (eu). Und für denWechsel der Laute innerhalb der Ablautsreihen ergab sich als einheitliche Ur-sache die einstige, vorgeschichtliche (indogermanische) Betonung, die nachfestem Gesetz in den verschiedenen Wortstellen wechselte.

Jacob Grimm hatte in dem Lautverschiebungsgesetz den Blutkreislauf dergermanischen Sprache entdeckt. Aber den Anteil, den die Sprach-Nerven daran

Briefwechsel Grimm-Lachmann. IV