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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XLVIII
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XLVII1 Einleitung.

gotischer Sonderentwicklung aus einem ihm zugrunde liegenden gemein-germanischen, gemeineuropäischen und urindogermanischen e.Der edelstealler Vokale, das a" war also entthront! Und außerdem büßte dadurchdas Gotische jetzt auch im Vokalismus, wie vorher durch Verners Nach-weis der Ursprünglichkeit des sogenannten 'grammatischen Wechels' (nhd.ziehen zog usw.) im Konsonantismus, dem Vorzug der unbedingtenAltertümlichkeit ein. Denn nun zeigte sich, daß nicht im gotischen niman,giban, hilpan eine ehrwürdige Urkürze i bewahrt ist. Vielmehr haben die wegenihrer flatterhaften Jugendlichkeit und Neuerungssucht etwas über die Achselangesehenen westgermanischen Sprachen, z. B. das ahd. neman, geban, helfan,ja wiederum sogar das sonst so ganz als entartet und verwildert geltendeNeuhochdeutsch mit seinem nehmen, geben, helfen durch Erhaltung der ur-indogermanischen Ablautstufe dem Gotischen den Rang abgelaufen.

Nach der seit 1876 obsiegenden neuen Auffassung des germanischenVokalismus gehen beispielsweise die Verwandlungen des mitteldochdeutschenStammsilbenvokals ich stige, ich steic, wir sägen, gestigen (Substantive: dersteic, der stigel, der stec) ; ich biuge, ich bouc, wir bugen, gebogen (Substantive:diu biuge, der bouc, diu bouge, der böge); ich binde, ich bant, wir bunden,gebunden (Substantive: daz bant, der bunt); ich nime, wir nemen, ich nam,wir nämen, genomen (Substantive: diu näme, diu Vernunft); ich grabe, ichgruop,wir gruoben, gegraben (Substantive: diu gruobe und der grabe; vgl. diu tat,getan; tuon) zurück auf einen urgermanischen Lautwechsel, der nur die Weiter-entwicklung ist indogermanischer Abstufungen und Abtönungen, d. h. Quan-titäts- und Qualitätsveränderungen der Stammsilbenlaute. Diesen germanischenAblauten treten also z. B. die griechischen Ablaute Xsi^en/, Xurelv, Xe'Xotira;(psofeiv, <pw(eiv; ttstojioii (norfj , iziüzö.ojt.aC) l-7n:-ö[i,7]v; £-7ev-ö|i,7]v (fsvo?) fs-fov-e,fi-fv-o^ai; tpirca), titpoipa (Tpörco?, Tporcito); p7]YV0|u, ^ppco^a nicht bloß als paralleleEntsprechungen gegenüber, sondern gehen ihnen als die geschichtlich älterenGestaltungen des gemeinsamen indogermanischen Grundlauts vorauf.

So viel auch im Laufe der nächsten Jahrzehnte nach Jacob Grimms Todean seiner Auffassung der germanischen Lautgeschichte die fortschreitendeForschung geändert hatte, bis zur Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahr-hunderts war an der Dreiteilung der Ablautsklassen nach den drei Grund-vokalen a i u, die Grimm für die im Gotischen bewahrten indogermanischenUrlaute gehalten hatte, von der wissenschaftlichen communis opinio nicht ge-rührt worden. Nur ein leises Symptom richtigerer Auffassung hatte sich ge-zeigt: die zweiteilige Anordnung der ablautenden Verben in MüllenhoffsParadigmata zur deutschen Grammatik seit ihrer dritten Auflage (1871) undnach ihrem Vorgang auch (1874) in den Paradigmen von Eduard Sievers.