Einleitung. XLVII
Die gegenwärtige Ablautstheorie hat der vielfächerigen Gliederung dergermanischen Konjugation, die Jacob Grimm durchführte, eine starke Ver-einfachung gegenübergestellt. Unser Briefwechsel bringt das ernstliche wett-eifernde Bemühen der beiden Freunde um eine erschöpfende und treffendeEinteilung der starken Verba wiederholt vor Augen. Besondere Aufmerk-samkeit verdient die in den Beilagen (C 1, S. 945) mitgeteilte Tabelle Lach-manns über die starken Konjugationen. Jacob Grimm unterschied in derersten Auflage des ersten Bandes seiner 'Deutschen Grammatik' (1819) 14 starkeKonjugationen: 4 mit vorgesetztem 'Augment', wie er die Reduplikation da-mals noch nannte, 10 mit bloßem 'Ablaut'. In der zweiten Auflage (1822) gaber nur eine Zwölfzahl: 6 'reduplizierende' (davon 4 rein reduplikative, 2 re-duplikativ-ablautende) und 6 ablautende Konjugationen in geänderter Reihen-folge. In der dritten Bearbeitung des germanischen Vokalismus (1840) zog erseine Gliederung übersichtlicher zusammen in 6 Gruppen: drei davon habenals Grundvokal a, davon durchläuft eine die ganze Skala der 'Urkürzen'a i u (Typus got. bindan 'binden', band 'ich band', bundum 'wir banden',bundans 'gebunden'), die zweite fügt als vierte Ablautsstufe noch ein e hinzu(Typusa: got. niman 'nehmen', nam 'ich nahm', nemum 'wir nahmen', numans'genommen'; Typus b: giban 'geben', gaf 'ich gab', gebum 'wir gaben',glbans 'gegeben'), die dritte stellt a bloß neben ö (Typus got. faran 'fahren',för 'ich fuhr', forum 'wir fuhren', farans 'gefahren'). Diese drei Klassen bildenzusammen die erste Hauptabteilung (a-Klasse). Die vierte und fünfteGruppe gehen vom Grundvokal i und u aus (i-Klasse, u-Klasse): sie zeigendie Ablaute i, ei, äi und u, iu, äu (Typus got. stigum 'wir stiegen', stigans 'ge-stiegen', steigan 'steigen', stäig 'ich stieg'; nur in Zusammensetzungen über-liefert budum 'wir boten', budans 'geboten', biudan 'bieten', bdup 'ich bot').Die sechste Klasse umfaßt die reduplizierend - ablautenden Verba mit demWechsel e ö oder äi ö (Typus letan 'lassen', lailöt 'ließ'; säian 'säen', saisö'säte'). In der 'Geschichte der deutschen Sprache' (1848, Kap. 32, S. 846 ff.,Kap. 33, S. 866 f.) sonderte Grimm diese sechste Klasse ab und behandelte siemit den übrigen Reduplikationen in selbständiger Klassifikation, fügte aber derzweiten Ablautsklasse als Abart den Typus got. truda 'ich trete', trudans 'ge-treten' hinzu. Charakteristisch für Grimms Anschauungsweise ist seine Be-merkung (Deutsche Grammatik I 3 S. 558): „Offenbar läßt sich in den beidenersten Reihen [Typus bindan ; niman, giban] i nicht als Urgrundvokal betrachten,weil dann überhaupt der Einfluß des edelsten aller Vokale, des a, zu geringscheinen und bloß auf die dritte Reihe [Typus faran] eingeschränkt würde." Diemoderne Ablauttheorie hat ermittelt, daß gerade in diesem gotischen i der Präsens-form bindan, niman, giban der 'UrgrundvokaP steckt, allerdings in jüngerer,