Einleitung. XLV
Brugmann hat, abgesehen von zwei Verweisen auf Amelungs Abhand-lungen, in seinen offenbar hastig und ungeordnet niedergeschriebenen Unter-suchungen seine Vorgänger nicht genannt, weder die eben erwähnten fünf, nochdie vorher oben (S. XXXVI) hervorgehobenen (Geiger, Humperdinck, Bege-mann). Anscheinend hat er sich ihrer Ausführungen nicht erinnert oder sienicht gekannt. Aber der selbständige Wert seiner Feststellungen wird dadurchnicht geschmälert, und auch dies tut ihnen keinen Abbruch, daß die Forschungalsbald über sie weit hinauskam: seine und seiner nächsten Freunde vielfachdivergierende hieroglyphische Zeichensprache für die verschiedener Färbungzustrebenden a-Laute des Indogermanischen ward ersetzt durch die zuerst mitvoller Entschiedenheit klar und überzeugend von Hermann Collitz be-gründete, bald auch von dessen Lehrer, dem Benfey-Schüler August Ficksystematisch durchgeführte Annahme, daß schon die Grundsprache, nicht erstdie europäische Sprachperiode e und o neben a besaß, daß das Griechischeden ursprünglichrn Vokalismus und in einem gewissen Umfang auch die ur-sprüngliche Betonung namentlich in der Stammabstufung bewahre und daßdas Verhältnis von e und o zur Betonung ein der Beurteilung Brugmannsentgegengesetztes gewesen sei, also e (Brugmanns aj in starktoniger, o (Brug-manns a 2 ) in schwachtoniger Silbe stehe, nicht aber, wie Brugmann gemeinthatte, umgekehrt.
Durch methodische Beweisführung waren jetzt Einsichten sichergestellt,die bereits dreißig, ja vierzig Jahre zuvor mit genialem Spürblick TheodorBenfey gefunden, aber unter dem Druck der herrschenden Lehren Grimms,Bopps und Schleichers nach dem in der Wissenschaftsgeschichte besonderswirksamen geistigen Trägheitsgesetz entschlossen zu verfechten sichnicht oder doch nur teilweise getraut hatte 1 ): die Ursprünglichkeit des buntengriechischen Vokalismus, die weitgehende Fortdauer der indogermanischenBetonung im Griechischen, die Akzentbedingtheit des Ablauts und der durchaltindische Entsprechungen als grundsprachliches Erbe erweisbaren nominalenund verbalen Stammabstufung.
1) Vgl. Bechtel, Hauptprobleme 83—91. 96. 98—102. 119 f.