Einleitung. XLI
Sommer 1876 fand es in Deutschland Hermann Collitz, Theodor Benfeysund August Ficks hervorragender Schüler; im Juli desselben Jahres währendder Kopenhagener Versammlung skandinavischer Philologen sprach es derDäne Wilhelm Thomsen privatim vor einigen Kollegen aus; zu Anfangdes Winters 1876 teilte es der Däne Karl Verner mehreren junggramma-tischen Fachgenossen in Leipzig (Osthoff, Brugmann, Leskien, Hübschmann,De Saussure) mit; im Jahre 1877 hatte es in Lund der Schwede EsaiasTegner selbständig gefunden, in seinen Vorlesungen vorgetragen und eineAbhandlung darüber in Druck gegeben, die er dann, weil andere Forschermit ihren Veröffentlichungen zuvorkamen, zurückzog. Auch JohannesSchmidt hat das Palatalgesetz seit dem Mai 1877 in seinen Berliner Vor-lesungen bekannt gemacht. Zuerst durch den Druck veröffentlicht, ausführ-lich begründet und mit weitgreifenden Folgerungen verknüpft hat es im Mai1878 Collitz 1 ). Etwas später folgten eingehende Veröffentlichungen vonFerdinand De Saussure (1878) und von Johannes Schmidt (1879).Aber bereits 1868 war dieses Gesetz in seinem Kern geahnt von dem genialenScharfblick Wilhelm Scherers 2).
Nach diesem Palatalgesetz vollzieht sich eine verschiedenartige Behand-lung der indogermanischen Gutturalen im Indo-Iranischen dergestalt, daß voreinem indoiranischen a, dem in den europäischen Sprachen ein e gegenüber-steht, der Guttural ebenso wie vor i und y Palatisierung erfährt, dagegenunverändert bleibt vor demjenigen a, das in den europäischen Sprachen alsa oder o erscheint. Dadurch war der zwingende Beweis erbracht, daß inden bezeichneten Fällen das a der indoiranischen Sprachen erst sekundäraus einem älteren Vokal entstanden ist, der nicht a war, sondern einpalataler Vokal, also nach dem Zeugnis der europäischen Sprachen ein e.Mithin durfte man den Vokalismus der indogermanischen Grundsprachefortan nicht mehr mit Bopp und Schleicher aus dem Indischen und Irani-schen rekonstruieren. Das Dogma Schleichers (Compendium der ver-gleichenden Grammatik, Weimar 1861, S. 7): „Je östlicher ein indo-germanisches Volk wohnt, desto mehr Altes hat seine Sprache erhalten", warjetzt zu begraben. In den Vordergrund trat nunmehr der europäische Voka-lismus, und zwar ist, wie zuerst Collitz nachdrücklich hervorgehoben hat, imGriechischen der ursprachliche Vokalismus am reinsten erhalten, reiner auchals im gotischen Vokalismus, dessen Ursprünglichkeit Jacob Grimm überschätzt
1) Vgl. Bezzenbergers Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen II,1878, S. 302—306; III, 1879, S. 177—234; XI, 1886, S. 203-242; XII, 1887,S. 243—248.
2) Vgl. Bechtel, Hauptprobleme der indogerman. Lautlehre S. 62ff. 332 ff. 371.