Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XL
Einzelbild herunterladen
 

XL Einleitung.

gotischen Formenreihe tiuhan, taühum, tauhans durch den ursprünglichenLautwechsel sich auszeichnet.

Verners Gesetz eröffnete einen ungeahnten Ausblick in weite vor-germanische Zeiträume. Es enthüllte, daß die Lautverschiebung jünger ist alsdas germanische Akzentgesetz, oder anders ausgedrückt: als sie eintrat, herrschtenoch nicht die an die Stammsilbe gebundene Betonung, sondern noch derfreie, indogermanische Akzent, der auch auf Endungen stehen durfte. VernersEntdeckung brachte das erste sichere Datum für eine relative Chronologieder Entstehung des germanischen Sprachcharakters, der germanischen Natio-nalität. Verners großer Entdeckung hatte den Weg gewiesen gerade Scherersbestimmtes methodologisches Bekenntnis (Z. Gesch. d. dtsch. Spr. 1868, S. 8),daß der Akzent die Entstehung des Ablauts beeinflußt habe und man be-rechtigt sei,den sanskritischen Verbalakzent für eine ältere Periode desGermanischen überall dort vorauszusetzen, wo der tatsächliche Lautbestandeiner germanischen Verbalform sich aus jenem Akzente ungezwungen erklärt".Dieser Satz aus der Weiterverfolgung der tiefen Einsichten TheodorBenfeys entsprungen ward der jüngeren Generation der Sprachforscherein Leitstern, wie ihn denn z. B. Osthoff besonders rühmte. Aber dieglänzendste Frucht der besonnenen Anwendung dieses Satzes richtete sichein in der Wissenschaftsgeschichte häufig wiederkehrender tragischer Vor-gang! gegen seinen Urheber: das durch Verners Gesetz gewonnene Datumschlug Scherers genialen Hypothesenbau einer Chronologie der konstitutivengermanischen Spracheigenheiten in Trümmer. Jetzt erst war ein fester Haltgewonnen für die Vorgeschichte des germanischen Konsonantismus. Sofortaber zeigte sich, daß von ihm aus auch für das brüchige System des germa-nischen und indogermanischen Vokalismus ein tauglicherer Neubau er-richtet werden konnte.

Das neue System des indogermanischen Vokalismus wie des indo-germanischen Ablauts lag nun sozusagen in der Luft. Im Sommer 1876 hates der Göttinger Professor August Fick in seiner ersten Vorlesung aufGrund seiner damaligen Wurzeltheorie gelehrt, wie man nach dem Berichteines sachkundigen Zeugen (Bechtel, Die Hauptprobleme der indogermanischenLautlehre, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 18Q2, S. 92 Anm.) annehmenmuß. Aber es wurde voll gesichert erst durch das Palatalgesetz. Diesesstellt sich vermöge seiner fundamentalen Bedeutung in eine Reihe mit GrimmsLautverschiebungsgesetz und dem Gesetz Karl Verners.

Es wurde ziemlich gleichzeitig von mehreren Gelehrten entdeckt, ohnedaß einer vom andern wußte. War es doch der Eckstein einer längst be-gonnenen neuen Grundlegung der indogermanischen Lautgeschichte. Im