Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXXV
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung. XXXV

ein Schüler Schleichers, im Bereich der indogermanischen Linguistik KarlBrugmann, Hermann Osthoff, Ferdinand De Saussure. Die Um-gestaltung der germanischen Grammatik, aus der helleres Licht fiel geradeauch auf die geschichtlich überlieferte, in schriftlichen Quellen und in denmodernen Mundarten lebende Sprache, knüpft sich hauptsächlich an dreiFührer: Eduard Sievers, Hermann Paul, Wilhelm Braune, diefreilich im Laufe ihrer wissenschaftlichen Entwicklung beträchtliche Wand-lungen durchgemacht und sich von den Theorien ihrer Anfänge teilweise ent-fernt haben. Diesem Leipziger Germanisten-Dreibund standen wissenschaftlichnahe, wenn auch nur in loserer Verbindung mit ihm Otto Behaghel, einSchüler Karl Bartsch', und Friedrich Kluge, der von Ten Brink undScherer ausgegangen ist.

Jetzt erst ward mit dem romantischen Vorurteil Bopps, Grimms undSchleichers, das dem Indischen ein unbedingtes Privileg der höchsten Alter-tümlichkeit zusprach und die a-Monotonie des indischen Vokalismus für ur-sprünglich ansah, vollkommen gebrochen. Aber dieser Bruch war langsam durcheine Schritt vor Schritt von der alten Ansicht abrückende wissenschaftliche Be-wegung vorbereitet. Zuerst hatten nach gleichgerichteten Darlegungen ineinem Aufsatze des Dänen Edwin Jessen (Tidskrift for Philologi og Paeda-gogik 1860 I, 217f.) zwei Forscher der älteren Generation Georg Curtius(1864) und Karl Müllenhoff die von Jacob Grimm mehrfach, am be-zauberndsten in seiner 'Geschichte der deutschen Sprache' (1848) dargestellte'Trilogie' der drei aus dem Indogermanischen im Gotischen bewahrten 'Ur-kürzen' a i u zerstört: jener durch den Nachweis, daß ein Teil der gotischeni vielmehr die jüngere Färbung eines ihm voraufliegenden europäischen(griechisch-lateinischen, althochdeutschen) kurzen e sei (z. B. in got. ga-wigan'bewegen', wigs 'Weg' gegenüber ahd. wegan, weg lat. vehi; got. itan 'essen'gegenüber ahd. e'jjan, griech. sösiv, lat. edere), dieser durch die Annahme, daßnicht nur gotisch i, sondern auch u, wo sie einem e und o der andern ger-manischen und europäischen Sprachen gegenüberstehen, eine sekundäre Laut-entwicklung darstellen und zwar in diesen Fällen e als eine gemeineuropäischeErhöhung des alten indogermanischen a, dagegen o nur als eine gemein-germanische Verdumpfung desselben gelten müsse (z.B. got fula 'Fohlen' gegen-über ahd. folo, griech. rcwXog; got. nutnans 'genommen' gegenüber ahd. gi-noman). Müllenhoffs Lehre hat Scherer als 'Müllenhoffs Regel' verwertet 1 )

1) Scherer, Zur Geschichte der deutschen Sprache, 1868, S. 7. 186; 2. Aufl.S. 49 f. 231. 235 ff. 249; Zeitschr. f. d. Österreich. Gymnasien, 1873, S. 288 f. ==Kleine Schriften I 322 ff.

HI"