Einleitung. XXXIII
Wilhelm Streitberg, Heidelberg, Carl Winter, 1924, S. 463-511). Raumer hattebereits 1837 in das Dunkel der Lautverschiebung tiefer hineingeleuchtet durcheine phonetische Studie über die Natur und die Schicksale der Aspiraten. Erhatte 1858 einen Aufsatz geschrieben über 'Die sprachgeschichtliche Um-wandlung und die naturgeschichtliche Bestimmung der Laute' und1863 den 'Unterschied der harten und weichen Laute' erörtert. Gleichzeitig(1863) beseitigte Hermann Grassmann eine bis dahin als störendempfundene Ausnahme der germanischen Lautverschiebung, indem er zeigte,daß, wenn zwei auf einander folgende Silben im Indogermanischen mit einerAspirata (bh, dh, gh) begannen, das Indische und das Griechische vermögeeines Gesetzes lautlicher Dissimilation der ersten Silbe die Aspirationentzogen und dafür das Griechische die einfache Tenuis, das Indische dieeinfache Media setzten.
Scherer überholte diese ersten glücklichen Schritte, indem er dem Fach-physiologen Ernst Brücke Gefolgschaft leistete und seine 'Grundzüge derLautphysiologie' zum Führer erkor. Fortan wurde in zunehmendem Maße diegesamte grammatische Forschung und Darstellung auf einen neuen Unterbaugestellt: die physiologische Beschreibung der Natur und der Wandlungen derSprachlaute. Begreiflich, daß dabei die zusammenfassende Theorie eines insprachgeschichtlicher Einzelforschung erprobten Grammatikers, die 'Phonetik'von Eduard Sievers rasch autoritative Geltung gewann, wenn auch nebenund mit ihr Arbeilen von Ellis, Sweet, Storm, Kock, Kräuter, Winteler, Hoffory,Vietor, Bremer fördernd wirkten. Am sichtbarsten aber wurde die Bedeutungdieser neuen sprachgeschichtlichen Hilfswissenschaft etwas später in der deut-schen Mundartenforschung, deren Rückgrat die Phonetik werden sollte.
Vier Jahre nach Scherers epochemachendem Buch hatte der bedeutendsteSchüler Schleichers Johannes Schmidt der Theorie und der Methode dervergleichenden Erforschung der indogermanischen Sprachen einen neuen Anstoßvon höchster Wichtigkeit gegeben. Sein Vortrag 'Die Verwandtschaftsverhält-nisse der indogermanischen Sprachen' (1872) stürzte die von Bopp herrührende,von Schleicher mit strenger Systematik fortgebildete genealogische Be-trachtung: die Sprachübereinstimmungen und Sprachunterschiede der indo-germanischen Einzelsprachen sind, dies zeigte Schmidt, nicht zu erfassen undzu sondern durch die Gabelungen eines Stammbaums der als Träger dieserSprachen erscheinenden Einzelvölker. Die Verbreitung der charakteristischenSpracherscheinungen löst sich vielmehr auf in eine unendliche, nie ruhendeGeschichte einzelner Sprachprozesse, die wie eine Welle jedesmal von einemPunkte aus in die Nachbarschaft vordringen und mit zunehmender Entfernungallmählich ihre Kraft vermindern und endlich verlieren. Die Sprachunterschiede
Briefwechsel Grimm-Lachmann. III