Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXXII
Einzelbild herunterladen
 

XXXII Einleitung.

Scherers Vorgang wird die Geringschätzung der jüngeren Sprachentwicklungengetadelt, die dahin führt, dieseals verkommene, gesunkene, alternde Phasenunberücksichtigt" zu lassen. Dengemeinschädlichen" Ausdrücken Jugend-alter und Oreisenalter der Sprachennach jener von Grimm, Boppund namentlich Schleicher gepflegten Anschauung! wird ganz im SinneScherers der Krieg erklärt. Die verhältnismäßig jüngeren Sprachgebiete, dasgermanische, romanische, slavische, seien vielmehr diejenigen, wo die ver-gleichende Sprachforschung ihre methodologischen Prinzipien am sicherstengewinnen könne. Denn sie münden aus in dialektisch reich entfaltetelebende Sprache. Gerade die jüngsten Phasen der neueren indogermanischenSprachen, die lebenden Volksmundarten seien für die sprachwissen-schaftliche Methodologie von hoher Bedeutung. Jacob Grimm hatte in seinerVorrede zur zweiten Ausgabe des ersten Grammatikbandes 1822 (S. XII) er-klärt, daß erdie edlere Sprache der Dichter und Schriftsteller" seinen Unter-suchungen zugrunde lege unddie Volksmundarten nur ausnahmsweise"berühre. Als wichtigste Grundsätze verkündet das Glaubensbekenntnis derneuen Richtung sodann:aller Lautwandel, soweit er mechanisch vor sichgeht, vollzieht sich nach ausnahmslosen Gesetzen", und die Formassoziation(Formübertragung oder Analogiebildung) hat schon für die frühesten Sprach-perioden als mächtiger sprachbildender Faktor von weitester Ausbreitung zugelten. Der erste dieser beiden Grundsätze, dehnbar und vieldeutig, wurdezum Erisapfel und entfachte einen langen Streit. Am unbefangensten undklarsten hat den sachlichen Kern dieser oft hitzigen Erörterungen der RomanistEduard Wechßler dargestellt in seinem gedankenreichen Buch 'Gibt esLautgesetze?' (Halle a. S., Max Niemeyer, 1900).

Scherer hatte zuerst durch sein Beispiel und seine nachdrücklichentheoretischen Hinweise den Germanisten und überhaupt der gesamten mitden indogermanischen Sprachen sich befassenden Linguistik die Laut-physiologie nahegebracht. Ein gutes, lautphysiologische Beobachtungund ausgebreitete Kenntnis moderner Sprachen verbindendes SigmaringerSchulprogramm von F. W. Wahlenberg (Über Einwirkung der Vokale aufVokale: 1855) war ihm unbekannt geblieben und ist von ihm erst in derzweiten Auflage seines Buchs rühmend genannt. Angeregt aber hatte ihn dergedankenreiche, nicht allgemein nach Verdienst gekannte und geschätzteRudolf von Raumer. Dessen vorzügliches, viel ausgeschriebenes, alsGanzes bisher nie erreichtes Werk über die Geschichte der germanischenPhilologie (1870) sollte in den Händen aller ihrer Jünger sein und zahlreicheNachfolger spornen zu den heute freilich auch nach Scherers Grimm-Biographienoch sehr nötigen Ergänzungen (vgl. V i c t o r M i c h e 1 s in der Festschrift für