Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXIX
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung. XXIX

mantische Nimbus des Altertums war einer alle Sprachperioden mit gleichemMaße messenden historischen Wertung gewichen.

Karl Müllenhoff hat die Forschungsmethode der Orimms überholt,indem er für die germanische Mythologie als Hilfsmittel der Erhellung dieHeldensage umfassender, planmäßiger heranzog und, auf dem Wege Lach-manns fortschreitend, kritisch durchleuchtete. Sein Schüler, WilhelmScherer, hat teilweise auf Erkenntnissen Müllenhoffs fußend dieSprachauffassung Jacob Orimms fünf Jahre nach dessen Tod in seinemepochemachenden Jugendbuch 'Zur Geschichte der deutschen Sprache' be-richtigt und umgebildet. Schon bei Lebzeiten Jacob Grimms waren allerdingsvereinzelte Versuche dazu gemacht worden durch eine mehr lautphysiologischeErklärung der Sprach Wandlungen: von Adolf Hol tzmann (1841/43 Über denUmlaut und 1844 Über den Ablaut), von dem früh verstorbenen hochbegabtenTheodorjacobi (Beiträge zur deutschen Grammatik 1843, Bildung der Nominain den germanischen Sprachen 1847), von B. Rumpelt (Deutsche Grammatik1860). Aber nurjacobi, der in seinen Schriften gleich dem etwas jüngeren Hein-rich Rückert geschichtswissenschaftliche und germanistische Forschungvereinte und dadurch ein allzuselten befolgtes Vorbild gab, hat der deutschenSprachwissenschaft grundsätzlich eine neue Aufgabe gestellt. Er strebte,dasmärchenhafte Es war einmal" (der Grimmschen Methode) einzuschränken,indie historische Grammatik die Physiologie und die Philosophie ein-zuführen und was äußerlich geschieht, aus dem geistigen Prozesse, der eshervorruft, oder der Beschaffenheit der menschlichen Organe zu erklären".Seine eigenen sprachgeschichtlichen Arbeiten waren eine höchst achtungs-werte Probe dieser neuen Fragestellung. Wilhelm Scherer schritt auf dieserBahn mit überlegenem Können weiter zu noch höheren Aufgaben.

Er wagte, über die Grenzen, die Jacob Grimms Sprachbetrachtung ge-zogen waren, vorzudringen zu einer kausalgenetischen Ergründung der ger-manischen Sprachvorgänge und zu einer umfassenden Würdigung ihrer Eigen-art als Wirkung des nationalen Charakters, von dem er mit siegesgewisserEnergie ein hinreißendes Gesamtbild entwarf. Scherer wollte hier ein hoheskulturphilosophisches Ziel erreichen, nach dem Jacob Orimms unphilosophischeNatur niemals verlangt hatte: er wollte dem Ursprung des germanischenGeistes die Schleier abreißen. Er wollte mit vollster Ausnutzung der Methodeund der Ergebnisse der modernen vergleichenden und historischen Sprach-forschung aus dem Gesamtgebiet der indogermanischen Sprachen (über Whit-ney s. oben S. XXVIII) und aller neuesten eigenen Errungenschaften aus Laut-physiologie wie aus soziologischer Geschichtsbetrachtung das wissen-schaftliche Programm Wilhelm von Humboldts erfüllen, der schon 1795