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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXVIII
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XXVIII Einleitung.

Sicherheit, Neuheit und Reiz etwa nur die der vergleichenden Anatomiein der Naturgeschichte stehen". Schleicher wollte die Sprachwissenschaft ein-reihen in den Kreis der Naturwissenschaften, wie das etwa gleichzeitig auchdie geistvollen 'Lectures on the science of language' von Max Müller (1861)versuchten, und richtete in diesem Sinne (1863) ein offenes Sendschreiben anErnst Häckel: 'Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft', worindie Entwicklungs - und Abstammungslehre ziemlich oberflächlich berück-sichtigt ist.

Die Analogie zwischen der Erdgeschichte und der Sprachgeschichte, dieJacob Grimm in jenem erwähnten Gleichnis gelegentlich benutzt hatte fürseinen fruchtbaren neuen Terminus sprachlicher Versteinerungen, wurdespäter von dem amerikanischen Sanskritisten und Sprachforscher Whitneyund von Wilhelm Scherer (zuerst 1868) unter Berufung auf die Errungen-schaft des englischen Geologen Charles Lyell, der die Beständigkeit undGleichartigkeit vorgeschichtlicher und geschichtlicher Erdveränderungen er-wiesen hatte, zum Eckstein eines Neubaus der sprachwissenschaftlichen Me-thode. Darin war ein Teil des bisher erhaltenen Restes romantischer Sprach-auffassung weggeräumt: die von Bopp und Jacob Grimm, besonders vonSchleicher durchgeführte Bevorrechtung der primitiven Sprachperiode als einerZeit sinnlicher schöpferischer Sprachkraft, einer Zeit des Naturlebens derSprache gegenüber den jüngeren Epochen als Zeiten der sprachlichen 'Ent-artung', des sprachlichen Absterbens und 'Verfalls', als Zeiten des 'geschicht-lichen' Sprachlebens.

Seltsam widerspruchsvoll hat allerdings noch der um die Methodenlehreder modernen Sprachwissenschaft hoch verdiente Hey mann Steinthaldieses Problem beurteilt. Sein Vortrag 'Philologie, Geschichte und Psycho-logie' (Berlin, F. Dümmler, 1864) bezweifelte (S. IQ f.) in einer Polemik gegenSchleichers Versuch, die Sprachwissenschaft als Naturwissenschaft hinzustellen,die grundsätzliche Scheidung zwischen der 'vorgeschichtlichen' Periode desSprachaufbaus und der 'geschichtlichen' Periode des 'Sprachverfalls'. Dennochmißbilligte er in seiner Kritik von Scherers Buch 'Zur Gesch. d. dtsch. Sprache'(Zeitschrift f. Völkerpsychologie 1868 V 474 f. = Gesammelte Kleinere SchriftenI, Berlin, F. Dümmler, 1880, S. 323 f.) dessen Verwerfung jenes von Schleicherbehaupteten Unterschieds zwischen Entwicklung und Verfall oder vor-historischen und historischen Sprachveränderungen. Er selbst aber hat seiner-seits den Standpunkt vertreten, daß im sprachlichen Leben zu allen Zeitendieselben psychologischen Vorgänge gewaltet haben.

Fortan galt jedesfalls der Grundsatz der Sprachforschung: im Lebender Sprache alter wie neuer Zeit wirken dieselben Gesetze. Der ro-