Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXVI
Einzelbild herunterladen
 

XXVI Einleitung,

In den wissenschaftlichen Erörterungen zwischen Jacob Grimm und Lach-mann war dieses freimütige Ausfragen und Bescheidgeben, dieses frohe Zustimmenoder Einschränken und Berichtigen oder Widersprechen noch verhältnismäßigleicht: Lachmann blickte zu dem universalen Sprachwissen und Sprachgenie JacobGrimms, das alle germanischen Dialekte und Zeitalter fast mit gleicher Sicher-heit umfaßte, in Ehrfurcht und Liebe empor und fühlte sich selbst Herrscherüber ein anderes Reich, über das Reich der Textkritik und Editionskunst, derBeobachtung des individuellen Stils und Sprachgebrauchs der mittelhoch-deutschen Dichter. Für dieses Reich erkannte ihm Jacob Grimm seinerseitsden Vorrang und volle Souveränität neidlos zu. Aber schwieriger war diebriefliche Auseinandersetzung zwischen Lachmann und Wilhelm Grimm überWesen und Entwicklung der germanischen Heldensage, über ihre mythischenund historischen Bestandteile, über die Entstehung der epischen Gedichte, dasVerhältnis ihrer Bearbeitungen zueinander und über deren Kritik. DurchJahre ziehn sich diese Erörterungen hin. Die ihnen gewidmeten Briefe tragenden Charakter selbständiger Schriften. Der größte Teil davon war schon ausfrüherer Veröffentlichung bekannt, das Ganze liegt vollständig erst in derneuen Ausgabe vor. Es wirkt, man darf es ohne Übertreibung sagen, über-wältigend. Wie hier der Verfasser des grundlegenden Urkundenbuchs überdie deutsche Heldensage und der große kritische Zergliederer des Ursprungsund der innern Geschichte der Nibelungensage, der Entstehung des Nibe-lungenlieds, seiner poetischen Bearbeitungen und seiner handschriftlichen Über-lieferung bei offenbar entgegengesetzten Grundanschauungen, die aus völligverschiedener geistiger Anlage und ebenso verschiedenem Temperament ent-springen, durch immer erneute Diskussion feinsinnig und gelehrt, ruhig undgründlich, immer freundschaftlich und auch im Widerspruch bei bester Laune,mit einander wetteifern in dem Ringen nach Erkenntnis der geschichtlichenWahrheit und nach reiner Würdigung des ursprünglichen, nur in Trümmernund schwächeren Nachdichtungen geretteten und wieder aufgefrischten poe-tischen Goldschatzes germanischer Sage und Weltanschauung, wie sie sichmit vereinten Kräften, einer vom andern willig lernend 1 ) und doch jeder deneigenen Standpunkt wahrend, mühen, den frühen und höchsten künstlerischenAusdruck unseres nationalen Kerns bloßzulegen, das läßt sich mit Wortennicht beschreiben und preisen: man muß es lesend mit inniger Andacht undFreude genießen und in sich nachklingen lassen.

1) Z. B. gibt Lachmann seine (nach der heutigen wissenschaftlichen Auffassungrichtige) Annahme alter mündlicher Prosa- Erzählungen als Grundlage der epischenSage auf zugunsten der Meinung Wilhelm Grimms, daß prosaische Form epischerÜberlieferung erst dergesunkenen" Spätzeit (14. oder 15. Jahrhundert) angehöre(1820 S. 746. 753. 759. 765).